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Die Grundrechte in Bildern (Artikel 5 - 8)

Artikel 5

 

 

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Erläuterung Lüpertz-Gemälde Artikel 5

 

Jetzt hat der Torso die Farben des menschlichen Körpers angenommen und wirkt so, als ob er im nächsten Augenblick etwas mitzuteilen hätte. Vor der Figur taucht erneut das Marmorstück mit seiner Maserung auf, der Kahn liegt dahinter, ist aber nur mit dem Bug zu sehen. Links schließt ein dichtes grün-schwarzes Gebüsch ab, während rechts Himmel, Waldsaum, Häuser, ein gelbes Feld und unten eine unruhige farbige Wiese den Ausblick in den Raum markieren. Weil die Wendung der Figur zum Betrachter so direkt vollzogen ist, entsteht eine Dialogsituation, die natürlich stumm bleiben muss. Obwohl die verschiedenen Bestandteile des Bildes zunächst ein eigenständiges Dasein zu führen scheinen – Landschaft, Torso, Marmor, Boot – entsteht beim längeren Betrachten der Eindruck einer Zusammengehörigkeit, die eine friedliche Atmosphäre vermittelt. Hier trifft sich das Erleben eines Sommertages mit der Erinnerung an eine ideale Kultur; der Kahn als Symbol für Bewegung und Inspiration ist mit der Empfindung von Dauer konfrontiert, die seit jeher mit dem Marmor assoziiert wird. So kann sich aus den visuellen Gegebenheiten eine imaginäre Bildrede ergeben, die durch das Recht auf freie Äußerung ihren lebensweltlichen Sinn gewinnt.


Artikel 6

 

 

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Erläuterung Lüpertz-Gemälde Artikel 6

 

Während die Landschaft im Hintergrund strenger gestaltet wurde, wirkt der Torso spontan gemalt, an manchen Stellen der Kontur gleichsam strahlend und aufgelöst. Es scheint, als ob die Figur eines besonderen Haltes bedürfte, weil sie verletzt und leidend aussieht. Dagegen bietet die Komposition der Landschaft eine unversehrte Ordnung; denn die Farben sind sehr entschieden verteilt, so dass sie sich in klar umrissenen Flächen konzentrieren. Selbst die Bäume und Büsche bilden dichte Silhouetten. Das Boot vorne rechts wirkt sogar wie ein bedrohlicher Keil. Kann man behaupten, dass die Natur, vom Menschen über Generationen gepflegt, eine unverrückbare Ordnung sicherstellt, während die menschengeschaffene Kultur, symbolisiert vom antikischen Torso und dem Boot, immer wieder gefährdet ist. Selbst dort, wo Menschen am meisten aufeinander angewiesen sind und am engsten zusammengehören, in der Familie, muss dafür gesorgt werden, dass die "Körper", d. h. ihr Menschsein, durch einen sicheren Rahmen, am besten ein unveräußerliches Recht garantiert ist. Die emotionale Belebung des Torsos durch den Maler, vor allem durch die Schattenbildung und das flackernde Rot erzielt, führt eindrucksvoll vor Augen, dass das Ideal, sobald es in die Nähe menschlicher Verfügung rückt, in Gefahr geraten kann.

 

Artikel 7

 

 

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Erläuterung Lüpertz-Gemälde Artikel 7

 

Voraussetzung für eine gelingende Lebensgestaltung ist eine sorgfältige und umsichtige Erziehung. Dieser Prozess ist manchmal mit der Arbeit des Bildhauers verglichen worden; denn die Erziehung formt sozusagen aus dem Rohstoff Mensch eine Persönlichkeit, die für sich selbst verantwortlich handeln kann und ihren angemessenen Platz in der Gesellschaft einnimmt. Noch als leere Form erscheint der Torso in der linken Bildhälfte, den Kahn – das Lebensschiff? – vor dem Körper. Aber markanter wird die Motivanordnung in diesem Gemälde von einem anderen Gegenstand bestimmt, nämlich der schwungvoll in die Landschaft gelegten Eisenbahnschiene. Der Weg, der in anderen Bildern eine Rolle spielte, wurde durch die Schiene ersetzt; dadurch wird angedeutet, dass es hier nicht um eine Verbindung zum nächsten Haus oder Ort geht, sondern um das Überwinden einer größeren Entfernung, vielleicht in die Stadt, sogar die Hauptstadt, ins Zentrum, das nicht gezeigt wird. Dieses Mal ist der Landschaftsausschnitt kleiner, der Horizont liegt in leicht erreichbarer Nähe, eine Gruppe von Birken versperrt hinter dem Torso den Blick ins Weite, so dass eine direkte Konstellation aus Kahn, Körper, Schiene und dem kahlen Stamm oder Mast entsteht. Viele Möglichkeiten sind denkbar: Die Ausbildung der leeren Form des Torso zu einem vollplastischen, d. h. gelungenen Bild einer Persönlichkeit; die Fahrt ins Weite aus der behüteten Welt der Provinz. Das Wachsen, wie die Birkengruppe es zeigt, oder das Erstarren und Absterben, wie der Mast am rechten Bildrand bedrohlich andeutet, der reg- und leblos in die Leere des Himmels weist.

 

Artikel 8

 

 

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Erläuterung Lüpertz-Gemälde Artikel 8

 

Wenn das Gemälde zuerst einmal nur unter einem malerischen Blickwinkel betrachtet wird, stellt es sich dar als eine virtuose Variation von Grün, der Farbe der Natur und des Lebens. Aber es sind nicht das Lindgrün des Frühjahrs oder das penetrante Grün der Werbung, die hier den Ton angeben; es ist vielmehr ein gedämpftes Grün, das ins Gelbliche und Schwarze changiert oder sich aufhellt zu einem Fast-Gold. Selbst der Torso einer menschlichen Figur ist in ein fahles Grün getaucht, sein Boot hält er wie ein Relikt aus der Vergangenheit unter dem Arm. Er steht vor einem aufgerichteten Stück Marmor; das Ganze wird noch einmal hinterfangen von einer Wand, die mit weißen Tupfen gemustert ist. Hierdurch entsteht eine Trennung dieses rechten Bilddrittels von der Landschaft, in die nur der Arm mit dem Kahn hineinragt. Es geht nicht in erster Linie um den Gegensatz von Natur und Kultur, sondern um die Gefasstheit, die Entschiedenheit menschlichen Handelns. Der Torso ist von den Farben der Natur durchzogen, aber sie sind gebrochen und schon einem Gestaltungswillen unterworfen worden. Das Konzept für diese Figur inmitten einer mehrfach gestaffelten Räumlichkeit vermittelt den Eindruck, dass ein Plan existiert, dass etwas entschlossen angepackt und realisiert werden soll. Aber es bedarf der Verstärkung durch andere, d. h. durch Gleichgesinnte, die auf den richtigen Rat und die Energie einer Vernunft warten. Auch das letzte Zögern vor der Durchführung eines Entschlusses scheint im Bild mitzuschwingen.

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