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Homeoffice: Fluch oder Segen?

Die Vorteile von Homeoffice liegen eigentlich klar auf der Hand – vor allem im Hinblick auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Doch ob Arbeitnehmer die Heimarbeit wirklich als Entlastung empfinden, hängt stark von den Rahmenbedingungen ab. Vor allem die betrieblichen Voraussetzungen und die Unternehmenskultur spielen eine wichtige Rolle dabei, wie eine Studie zeigt.

Arbeitender Vater mit Tochter
Eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie gilt als der wesentliche Vorteil von Homeoffice.
Die zeitintensive Anreise zum Büro fällt weg, die Mittagspause lässt sich nötigenfalls zum Wäschewaschen nutzen und für die Kinderbetreuung ist auch gesorgt: Eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie gilt als der wesentliche Vorteil von Homeoffice. Tatsächlich zeigen Studien, dass die Zufriedenheit mit der Work-Life-Balance durch Heimarbeit steigen kann. Gleichzeitig kann Homeoffice in diesem Kontext aber auch neue Konflikte heraufbeschwören.

"Die widersprüchlichen Ergebnisse zu der Rolle von Homeoffice im Hinblick auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie lassen den Schluss zu, dass der betriebliche Kontext die Wirkung von Homeoffice prägt", erklärt die Geschlechter- und Arbeitszeitforscherin Yvonne Lott von der Hans-Böckler-Stiftung. Von welchen Faktoren aber hängt es ab, ob Arbeitnehmer Heimarbeit wirklich als Entlastung empfinden?

Erfahrungen mit Heimarbeit

Um dies herauszufinden, hat Lott Daten des sogenannten Linked Personnel Panels (LPP) des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit ausgewertet. Dafür wurden Beschäftigte unter anderem zu ihren Erfahrungen mit Home Office befragt und diese Aussagen anschließend mit Informationen zu den betrieblichen Rahmenbedingungen verknüpft.

Das Ergebnis: Tatsächlich gaben 52 Prozent der Beschäftigten an, dass sich die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben durch Homeoffice verbessert. Nicht nur wer Kinder betreuen oder einen Angehörigen pflegen muss, hat dank Heimarbeit mehr Zeit dafür. Auch für Dinge wie Weiterbildung und Ehrenämter vergrößern sich die Spielräume.

Zusätzlicher Druck

Wie erwartet, offenbarten die Auswertungen aber auch die negative Seite der Heimarbeit. So gaben die Arbeitnehmer an, dass das Arbeiten von Zuhause aus mitunter zusätzlichen Druck erzeugt. Dies war vor allem dann der Fall, wenn Homeoffice im Unternehmen nicht selbstverständlich ist und nur in Ausnahmefällen gewährt wird.

Eine mögliche Erklärung: Beschäftigte fühlen sich dadurch womöglich verpflichtet, höhere Leistungen zurückzugeben, über die vereinbarte Arbeitszeit hinaus zu arbeiten und auch außerhalb dieser Zeit erreichbar zu sein, so die Vermutung der Forscherin. Dies spiegelt sich auch in einer weiteren Aussage der Beschäftigten wider: Knapp 50 Prozent der Befragten sagten, dass durch Heimarbeit die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmt.

Unternehmenskultur ist entscheidend

Woran aber liegt es nun konkret, ob die positiven oder negativen Erfahrungen überwiegen? Lott identifizierte eine Reihe von Einflussfaktoren, die mit den betrieblichen Voraussetzungen und der allgemeinen Unternehmenskultur zusammenhängen. Beispielsweise zeigte sich: In Betrieben, die sich durch eine Reihe von Maßnahmen aktiv für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf einsetzen, profitieren Beschäftigte auch stärker von der Heimarbeit.

So hingen gute Erfahrungen mit Heimarbeit stark mit Faktoren wie Aufstiegsmöglichkeiten für Teilzeitkräfte und Frauen zusammen. In Unternehmen, die den Frauenanteil in Führungspositionen durch flexible Arbeitszeiten fördern, lag die Wahrscheinlichkeit bei 42 Prozent, ausschließlich gute Erfahrungen mit Homeoffice zu machen - ohne diese Maßnahme dagegen nur bei 28 Prozent.

Die Rolle des Vorgesetzten

Wie Lott erklärt, haben auch Vorgesetzte großen Einfluss darauf, wie Beschäftigte im Homeoffice die Vereinbarkeit zwischen Beruf und Privatleben erleben. Gaben Arbeitnehmer an, dass sie ihr Vorgesetzter überhaupt nicht gerecht behandelt, betrug die Wahrscheinlichkeit für eine ausschließlich gute Erfahrung mit Homeoffice im Durchschnitt knapp vier Prozent.

Stimmten Beschäftigte der Aussage voll und ganz zu, dass ihr direkter Vorgesetzter sie bei allen Aspekten der Arbeit gerecht behandelt, lag die durchschnittliche Wahrscheinlichkeit für eine gute Vereinbarkeitserfahrung hingegen bei knapp 53 Prozent.

Mutter mit Kleinkind bei Telefongespäch
Beschäftigte fühlen sich bei Heimarbeit womöglich verpflichtet, auch außerhalb der vereinbarten Zeit erreichbar zu sein.

Tageweise ist besser als stundenweise

Auch die Arbeitszeiten sind wichtig: Homeoffice innerhalb der normalen Arbeitszeit war der Work-Life-Balance erwartungsgemäß deutlich zuträglicher als in der Freizeit – und ganze Tage zu Hause zu arbeiten, war förderlicher als dies stundenweise zu tun. Die Wahrscheinlichkeit für ausschließlich gute Erfahrungen betrug 53 Prozent mit ganzen Tagen gegenüber 29 Prozent mit einzelnen Stunden im Homeoffice, wie Lott berichtet.

"Beschäftigte, die nur stundenweise zu Hause arbeiten, nutzen Homeoffice wahrscheinlich eher um Arbeit nachzuholen oder vorzubereiten", so die Forscherin. Bedenklich sei dabei, dass nur 15 Prozent der Beschäftigten ganze Tage zu Hause arbeiten und lediglich 22 Prozent innerhalb der normalen Arbeitszeit arbeiten.

Daneben spielt der Studie zufolge die Formalisierung eine bedeutende Rolle. Das heißt: Ist Homeoffice vertraglich geregelt, machen Arbeitnehmer bessere Erfahrungen als ohne vertragliche Regelung – etwa bei informellen Absprachen. Allerdings: Bisher arbeiten nur 17 Prozent der Beschäftigten im Homeoffice auf Basis einer vertraglichen Regelung, wie Lott erläutert.

Was können Arbeitgeber tun?

Insgesamt zieht Lott daher ein gemischtes Fazit: "Die bisherige Forschung zeigt, dass Beschäftigte, die im Homeoffice arbeiten, einsatzbereiter und zufriedener mit ihrem Job sind." Bereits die Möglichkeit, zu Hause arbeiten zu können, erhöhe Zufriedenheit und Produktivität, da durch das Angebot das Vertrauen zwischen Arbeitgeber und Beschäftigten gestärkt werde. Allerdings komme es stark auf die betrieblichen Rahmenbedingungen an.

Was können Arbeitgeber tun, damit die Bedingungen für Heimarbeit möglichst gut sind? Lott rät Führungskräften, für ein Arbeitsumfeld sorgen, das von Fairness geprägt ist. Sie sollten Beschäftigte, die ihre Arbeitszeiten an außerberufliche Bedarfe anpassen, als gleichwertige Mitarbeiter anerkennen.

Gleiche Regeln für alle

Was selbstverständlich klingt, ist in der Praxis nach wie vor oft ein Problem, wie die Forscherin betont: Vorgesetzte beurteilten Beschäftigte im Homeoffice häufig nicht nach ihrer tatsächlich erbrachten Leistung. Wer zu Hause arbeitet, werde oft als "Minderleister" stigmatisiert und müsse negative Bewertungen fürchten – häufig seien davon Frauen betroffen.

Wichtig sei daher, dass für alle Beschäftigten innerhalb eines Betriebs – egal ob vor Ort oder im Homeoffice – allgemeingültige Kriterien gelten, nach denen die Arbeit beurteilt wird. Betriebsvereinbarungen und ein gesetzliches Recht auf Homeoffice könnten dabei helfen, die Akzeptanz zu steigern – und damit auch die Wahrscheinlichkeit, dass Beschäftigte eine bessere Work-Life-Balance erleben, so Lotts Resümee.

Hans-Böckler-Stiftung / DAL, 19.20.2020
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