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Hungersnot auf dem Acker – Achterbahn-Sommer bedroht Feldhamster

Die erste große Hitzewelle dieses Sommers hat fatale Folgen für einen der niedlichsten, aber auch bedrohtesten Bewohner unserer Felder: den Feldhamster. Denn durch Hitze und Dürre werden viele Felder früher abgeerntet als sonst – und der Hamster findet dadurch nicht mehr genügend Futter. Gibt es Hoffnung für den in einigen Regionen Deutschlands schon ausgestorbenen Nager?
Deutsche Wildtierstiftung / NPO

Feldhamster – Europas buntestes Nagetier ist stark bedroht

Niedliche schwarze Knopfaugen, buntgeflecktes Fell: Der rund 30 Zentimeter große Feldhamster war lange Zeit ein häufiger und typischer Bewohner unserer Felder – und ein bei Kindern beliebtes Haustier. Doch das bunteste aller europäischen Nagetiere hat es heute schwer: "Noch bis in die 1980er Jahre hinein wurde der nachtaktive Nager auf den Getreidefeldern als Plage bekämpft", erklärt Peer Cyriacks, Biologe der Deutschen Wildtier Stiftung. "Heute ist der Feldhamster unser absolutes Sorgenkind. Er gehört zu den am stärksten bedrohten Säugetierarten in Deutschland." In Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg gilt der Hamster bereits als ausgestorben.

Futter für die Hamsterbacken

Einer der Gründe dafür: Nahrungsmangel und zu wenig Deckung. Denn der Hamster ist zwar bei seiner Futtersuche nicht wählerisch, er frisst von Getreide über Zuckerrüben, Wildkräuter bis zu Insekten fast alles, was im vor die Schnauze kommt. Im Juli sammelt er dabei Futter für seine Jungen, im Herbst "hamstert" er vor allem Körner, Nüsse und anderer nahrhafte Vorräte für die Zeit seines Winterschlafs. In seinen prall gefüllten Hamsterbacken trägt er die gesammelten Vorräte dabei in seinen Bau.

In seinem unterirdischen Bau ist der Feldhamster vor den Gefahren gut geschützt. Kein Wunder, dass er es vorzieht, das Winterhalbjahr gleich ganz unter der Erde zu verschlafen. Nur alle paar Tage wacht der Hamster auf und nascht ein wenig von seinen Vorräten. Der Bau ist dabei perfekt auf seine Bedürfnisse eingerichtet. Neben der Wohnhöhle gibt es eine Vorratskammer und sogar ein Klo.

Hungrig über Stoppelfelder

Aber der Bau nutzt dem Hamster wenig, wenn er nicht genügend Vorräte sammeln kann. Und das ist immer häufiger der Fall. Denn gerade dann, wenn er am meisten Futter braucht, im Hochsommer und Herbst, wird dieses auf den Feldern immer knapper. Weil viele Bauern von Sommergetreide auf das früher reife Wintergetreide umgestellt haben, sind die Felder im Hochsommer oft schon abgeerntet. Die Feldhamster finden dadurch rund um ihren unterirdischen Bau keine Nahrung mehr und müssen lange Wege ungeschützt durch Stoppelfelder laufen – als leichte Beute für Greifvögel und andere Fressfeinde.

Allerdings lässt gibt der kleine Nager selbst bei einem Angriff nicht kampflos auf: Naht ein Feind, faucht und zischt er laut, um diesen abzuschrecken. Hilft das nicht, richtet er sich auf, präsentiert seine dunkel gefleckte Bauchseite und bläst seine Backen auf. Der Sinn dahinter: Die Fellzeichnung ähnelt in dieser Position dem gefährlich aufgerissenen Maul eines Raubtiers, die hellen Pfoten den Eckzähnen des Räubers. Wenn der Hamster Glück hat, lässt sich selbst ein Fuchs davon in die Flucht schlagen.

Hitzewelle verschärft die Lage

Doch gegen den Hunger hilft dem Hamster diese raffinierte Abschreckung nichts. Und in diesem Jahr kommt noch das ungünstige Wetter hinzu:  Durch die erst trocken-heiße, dann aber wieder nasse Witterung ist das Getreide in diesem Jahr besonders früh reif. Die Pflanzen werden vorzeitig dürr und müssen schnell geerntet werden.

Droht eine Dürre, werden die Felder früher abgeerntet - eine Katastrophe für die Hamster.

thinkstock.com, mihalec

Für den Feldhamster sind diese frühen Ernten jedoch eine Katastrophe. "Vor allem der zweite Wurf der Muttertiere, der jetzt im Juli auf die Welt kommt, hat das Pech, seine ersten selbständigen Schritte auf abgeernteten Feldern machen zu müssen", sagt Ulrich Weinhold vom Institut für Faunistik. "In der Regel überleben das die wenigsten, denn sowohl Nahrung als auch Deckung fehlen nach der Ernte vollständig."

Hinzu kommt: Auf Stoppelfeldern findet der Hamster wenigstens noch einige liegengebliebene Ähren und Halme. Aber auch die werden immer seltener. Denn die meisten Landwirte pflügen ihre Felder direkt nach der Ernte um – und nehmen dem Hamster damit auch die letzte Chance.

Getreidestreifen und Luzerne

Doch es geht auch anders. Denn schon simple Maßnahmen würden dem Feldhamster eine Überlebenschance bieten, wie Projekte der Deutschen Wildtierstiftung zeigen: Es reicht schon aus, wenn Bauern einen Streifen Getreide auf ihrem Feld bis zum Herbst stehen lassen. Bis zum Winterschlaf bieten diese Getreideinseln vielen Tieren Nahrung und Deckung, so auch dem Feldhamster. Hier können sie ausreichend Vorräte für den Winterschlaf hamstern, die sie in ihrer Speisekammer unterm Acker einlagern.

Weitere Maßnahmen: "Landwirte erhalten einen finanziellen Ausgleich dafür, wenn sie einen Teil ihrer Flächen hamsterfreundlich bewirtschaften und Pflanzen wie die Luzerne anbauen, die dem Hamster nahrhaftes Futter und Deckung bieten", erklärt Cyriacks. Auch ein späteres Umpflügen der Felder hilft dem Feldhamster beim Überleben. Das Geld für diese Maßnahmen erhalten die Landwirte zurzeit im Rahmen eines Modellprojekts.  Patenschaften für den Feldhamster machen dieses Projekt möglich - damit die Feldhamster auch im nächsten Frühjahr wieder aus dem Winterschlaf erwachen.

Mehr zum Feldhamster bei der Deutschen Wildtierstiftung.

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