Lexikon

Hụmboldt

Wilhelm Freiherr von, deutscher Gelehrter und Staatsmann, * 22. 6. 1767 Potsdam, † 8. 4. 1835 Tegel bei Berlin; Bruder von Alexander Freiherr von Humboldt; 1790/91 am Berliner Kammergericht, lebte seit 1794 in Weimar, wo er Freundschaft mit W. H. von Dalberg, Goethe, Schiller und den Brüdern August Wilhelm und Friedrich Schlegel pflegte. Dort entstanden Gedichte, literaturkritische Arbeiten, Übersetzungen und „Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen“ (postum) 1851. Darin spricht er sich für die Entwicklung der freien Persönlichkeit und gegen die Bevormundung durch den absoluten Staat aus. – Humboldt war 1801–1808 als preußischer Ministerresident in Rom. 1809 wurde er auf Empfehlung des Freiherrn vom und zum Stein Leiter des Kultus- und Unterrichtswesens; er begründete die Berliner Universität und das neuhumanistische Gymnasium in Preußen. 1810 ging er als Gesandter nach Österreich und vertrat Preußen auf verschiedenen Kongressen, besonders 1814/15 auf dem Wiener Kongress. Er entwarf die Verfassung des Deutschen Bundes, konnte sie jedoch gegen den Widerstand Metternichs nicht durchsetzen. Nach seiner Entzweiung mit dem preußischen Staatskanzler Hardenberg
Unberechenbarkeit Deutschlands
Unberechenbarkeit Deutschlands
Nach Schaffung des Deutschen Bundes 1815 gehörte Wilhelm von Humboldt zu den frühen Warnern vor einer Großmachtstellung Deutschlands (Memorandum an den Freiherrn von Hardenberg vom 30. 9. 1816, Auszüge):

Man wird Deutschland nie hindern könne, auf irgendeine Weise Ein Staat und Eine Nation sein zu wollen; die Neigung, wenn nicht nach Einheit, wenigstens doch nach irgendeinem Verbande, liegt, ohne dass man sie austilgen kann, in allen Köpfen und Gemütern...

Man muss auf keine Weise den wahren und eigentlichen Zweck des Bundes vergessen, insofern er mit der europäischen Politik zusammenhängt. Dieser Zweck ist die Sicherung der Ruhe; das ganze Dasein des Bundes ist mithin auf die Erhaltung des Gleichgewichts durch innewohnende Schwerkraft berechnet. Diesem würde nun durchaus entgegengearbeitet, wenn in die Reihe der europäischen Staaten, außer den größeren deutschen einzeln genommen, noch ein neuer kollektiver, in einer nicht durch gestörtes Gleichgewicht aufgeregten, sondern gleichsam willkürlichen Tätigkeit eingeführt würde, der bald für sich handelte, bald einer oder der anderen größeren Macht zu Hülfe und zum Vorwand diente. Niemand könnte dann hindern, dass nicht Deutschland als Deutschland ein erobernder Staat würde, was kein echter Deutscher wollen kann, da man jetzt wohl weiß, welche bedeutenden Vorzüge in geistiger und wissenschaftlicher Bildung die deutsche Nation, solange sie keine politische Richtung nach außen hatte, erreicht hat, aber es noch nicht ausgemacht ist, wie eine solche Richtung auch in dieser Rücksicht wirken würde. [...]
Sieht man auf die besondere Natur des Bundes, so gibt es, meiner Meinung nach, die wichtigsten Gründe, alle Tätigkeit des Bundes, als eigenen Gesamtstaats, so viel nur immer möglich zu beschränken.
ging er als Gesandter nach London. 1819 wurde er Minister für ständische und kommunale Angelegenheiten, jedoch führte seine Ablehnung der Karlsbader Beschlüsse zu seiner Entlassung (1819). Er lebte seitdem auf Schloss Tegel und verfasste sprachwissenschaftliche Arbeiten („Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluss auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts“ 1836).
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