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Plötzlich schwerhörig: Was passiert bei einem Hörsturz?

Plötzlich nichts mehr oder alles nur noch gedämpft zu hören: So geht es jedes Jahr etwa 150.000 Menschen in Deutschland, die einen Hörsturz erleiden. Die plötzliche Schwerhörigkeit geht oft sogar mit Schwindel oder Tinnitus einher und kann für Betroffene beängstigend sein. Was passiert da genau im Ohr? Wie kann man einen Hörsturz behandeln? Und was weiß man bisher über die Ursachen der Krankheit?
JFR, 05.05.2022
Symbolbild Hörsturz
Bei einem Hörsturz tritt unerwartet von einem Moment auf den anderen eine zumeist einseitige Innenohrschwerhörigkeit ohne äußerlich erkennbaren Grund auf.

biha / Fotograf: Olaf Malzahn

Knallen, Knistern, Gespräche, Gesang: Das Wahrnehmen von Geräuschen ist einer unserer wichtigsten Sinne, ohne den sich die meisten von uns den Alltag schwer vorstellen können. Damit wir die Welt um uns herum auch akustisch wahrnehmen können, hat uns die Natur mit einem raffinierten Mechanismus ausgestattet, der uns das Hören möglich macht.

Die von der Geräuschquelle ausgehenden Schallwellen werden vom Außenohr in den Gehörgang geleitet und erzeugen dort eine Schwingung des Trommelfells. Diese überträgt sich über die Gehörknöchelnchen ins Innenohr und dort auf die Flüssigkeit in der Gehörschnecke – in der Fachsprache Cochlea genannt. Die von den Schwingungen verursachten Bewegung der Flüssigkeit wiederum beugen die feinen Haarzellen an der Wand der Cochlea, welche diese Bewegung in elektrische Signale umwandeln. Der Hörnerv leitet diese weiter ans Gehirn, wo sie als Geräusch interpretiert werden.

Wie äußert sich ein Hörsturz?

Dieser ausgeklügelte Mechanismus ist jedoch fehleranfällig und kann unterbrochen werden, wie beispielsweise bei einem Hörsturz, auch Ohrinfarkt genannt. Dann tritt unerwartet von einem Moment auf den anderen eine zumeist einseitige Schwerhörigkeit ohne äußerlich erkennbaren Grund auf. Dahinter steckt eine Fehlfunktion der Haarzellen im Innenohr: Ein Teil von ihnen reagiert nicht mehr richtig auf die Schwingungen, so dass wir bestimmte Frequenzbereiche nur noch schlecht oder gar nicht mehr hören.

Der Hörverlust wird mitunter von einem Schwindelgefühl und störenden Ohrgeräuschen wie Rauschen oder Pfeifen begleitet, dem sogenannten Tinnitus.  Ohrenschmerzen treten dabei fast niemals auf, stattdessen beschreiben Betroffene ein Druckgefühl im Ohr oder den Eindruck, als wäre die Ohrmuschel in Watte gepackt. Dies ist nicht nur unangenehm, sondern stört auch die Interaktion mit anderen Menschen: "Ab einer Dämpfung von 25 bis 30 Dezibel macht sich der Hörverlust im Alltag beeinträchtigend bemerkbar. Das heißt, in einer geräuschvollen Umgebung wird die Kommunikation zunehmend schwieriger", erklärt Maximilian Schwab, Vizepräsident der Bundesinnung der Hörakustiker (biha).

Vor allem in größeren Gruppen können Betroffene oft nicht mehr zwischen Gesprächsfetzen und Hintergrundgeräuschen unterscheiden. Das verschlechterte Hörvermögen strengt auch das Gehirn besonders an. Diese kognitive Belastung erfordert Energie und erschwert zusätzlich die Bewältigung des Alltags, da die Betroffenen schneller ermüden.

Schematische Darstellung des menschlichen Ohrs
Schematische Darstellung des menschlichen Ohrs

VectorMine, GettyImages

Was ist die Ursache?

Aber wie kommt es eigentlich zu einem Hörsturz? Ärzte konnten beobachten, dass die Beschwerden vermehrt am Morgen oder in stressigen Situationen auftreten. Doch das reicht noch nicht aus, um die Ursachen zu verstehen: „Was einen Hörsturz auslöst und was genau im Innenohr passiert, ist bis heute noch weitgehend ungeklärt“, erklärt Schwab. Als Auslöser im Verdacht stehen neben Stress, Entzündungen und Virusinfektionen vor allem Durchblutungsstörungen des Innenohrs. Denn wenn das Innenohr nicht richtig durchblutet wird, können die Sinneshaarzellen nicht ausreichend mit Nährstoffen versorgt werden. Das hat zur Folge, dass die Reizumwandlung der durch Schallwellen ausgelösten Schwingungen zu elektrischen Impulsen nicht mehr fehlerfrei ablaufen kann.

Für eine Durchblutungsstörung als Ursache sprechen erste Hinweise darauf, dass Menschen mit Herz-Kreislauf-Beschwerden, Übergewicht, Diabetes sowie Raucher häufiger betroffen zu sein scheinen. Auch ein hoher Blutfettwert steht im Verdacht, einen Hörsturz auszulösen zu können, da sich Cholesterin an den Gefäßwänden ablagern könnte. Doch die tatsächliche Ursache ist noch nicht gesichert belegt.

Was tun beim Hörsturz?

Und was tun, wenn einen tatsächlich selbst mal so ein Hörsturz ereilen sollte? „Nicht in Panik geraten“, meint Schwab. Zwar sollte man die Krankheit immer ernst nehmen, doch häufig klingen die Beschwerden bereits nach 24 Stunden von alleine wieder ab und der Hörsturz verschwindet so schnell wie er gekommen ist.

Anders sieht die Situation aus, wenn die Symptome länger andauern: Laut Schwab sollte in solch einem Fall eine Praxis für Hals-Nasen-Ohrenkunde aufgesucht werden. Zwar ist die richtige Therapie bisher ebenso umstritten und wenig etabliert wie die Ursachen des Hörsturzes, dennoch gibt es einige Behandlungsansätze. Am häufigsten scheint  dem bisherigen Kenntnisstand eine Infusion mit hochdosierten Glucocorticoiden – im Volksmund Cortison – zu helfen. Sie sollte möglichst kurze Zeit nach Eintritt des Hörsturzes verabreicht werden.

Dennoch gibt es etwa zehn bis zwanzig Prozent der Betroffenen, die nach einem Hörsturz eine dauerhafte Hörminderung davontragen. In solchen Fällen ist das Tragen eines Hörgeräts bisher die einzige Möglichkeit, um die Nachwirkungen des Hörsturzes auszugleichen.

Quelle: Bundesinnung der Hörakustiker KdöR

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