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Die German Weltflucht

Tanja Dückers beschreibt das Gefühl, nie im eigenen Leben anzukommen.

Tanja Dückers’ großer Roman. bücher sprach mit der Autorin darüber, warum eine ganze Generation ihre Eltern hasst.

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Neulich saß Tanja Dückers in einer ausrangierten Verkehrskanzel. Leicht erhöht über dem Ku’damm, im alten Westberlin, wo sie aufgewachsen ist. Der Verkehr unter ihr rauschte, die riesige Leuchtwand gegenüber bei C&A zuckte. Und Dückers erinnerte sich. An ihre Schulfreundin Pascale. An Herrn K., den freundlichen, traumatisierten Apotheker aus dem Irak. An das Parkhaus, in dem die Penner wohnten, die Brot und Wurst bekamen und dafür die Autos der Anwohner bewachten. Da oben hatte sie ein Verlag für die Anthologie »Kanzlerinnen, schwindelfrei«, für »literarische Höhenflüge über Berlin« reingesetzt. Vielleicht ist das ja nur ein Aspekt des Literaturbetriebswahnsinns, in den Tanja Dückers, 37, als erfolgreiche »junge Autorin« eingespeist ist, wie man so sagt: in alten Verkehrskanzeln, auf Symposien, in Goethe-Instituten weltweit sitzen. Vielleicht beginnt aber so ja auch das Erzählen: von oben gucken, was ist. Distanz haben, um Nähe herzustellen, zur Welt und ihren Figuren. Aber auch: erhöht sein, ein wenig von oben herabgucken. Tanja Dückers jedenfalls sagt: »Die Kanzel war wirklich beeindruckend. Seitdem ich da oben saß, habe ich die Sehnsucht zurück an diesen Ort.« Jetzt sitzen wir im »Kakao«, einem dunklen Café am Berliner Helmholtzplatz, Berlin-Prenzlauer Berg. Vor dem Fenster das Kasperletheater der aktuellen Existenzformen der Berliner Boheme. Zurzeit haben alle Kinder, die sie in Retro-Kinderwagen am Fenster vorbeischieben. Da ist es, Dückers’ großes Thema: Generationen.

 

Und wenn es um Generationen geht, geht es ja in Deutschland immer um Abgründe und Vorwürfe: Eine Generation macht die andere fertig. Dückers sagt: »Ich finde das einen unsinnigen Konkurrenzkampf zwischen den Generationen, speziell der Vorwurf der Oberflächlichkeit. Existenzialphilosophisch ausgedrückt: Das Leben ist immer schwierig, egal ob man ‘ne schicke Couch zu Hause hat oder nicht. Das ist materialistisch gedacht, nur weil man nicht in einer ausgebombten Wohnung sitzt, würde Leben jetzt leicht sein.« So leicht macht sie es sich nicht in ihrem neuen Buch »Der längste Tag«. Hier gibt es keine klaren Fronten, bloß zwei Generationen, die einander fremd sind: Paul Kadereit (Aufbaugeneration), ein Zoologe und Reptilien-Freak mit der lebenslang ungelebten Sehnsucht nach »Amerika«, seinem Traumland, stirbt. Das Buch berichtet, wie die fünf Kinder des nahezu autistischen Mannes, der sich regelrecht in seiner Terrarien-Welt verkriecht, auf seinen Tod reagieren.

Generationen, das ist Dückers’ Thema, seit sie sich vom Ruf emanzipiert hat, die »Stimme der Subkultur« (Berliner Morgenpost) zu sein. »Subkultur« – das hieß bei vielen »Spaß«. Und »Spaß« gleich »Spaßkultur«. Also gar keine Kultur. Davon ist sie lange weg. Schon in »Himmelskörper«, ihrem größten Erfolg, ging es um eine Meteorologin, die in der Vergangenheit ihrer Familie wühlt. Kein Spaß. Jetzt wieder. »Es ist der Versuch eines Generationenporträts, um die Unterschiede zwischen der so genannten Gründer- und Aufbaugeneration und der, die so gern als hedonistische Generation bezeichnet wird.«

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Jost Kaiser
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