Lexikon
französische Kunst
Baukunst
Die spezifisch französische Entwicklung der romanischen Kirchenbaukunst des 11. Jahrhunderts setzte mit der Vergrößerung und Vereinheitlichung des überwiegend flach gedeckten Langbaus ein.
Die Kirchen der Hochromanik sind überwiegend gewölbt; fünf regionale Baugruppen lassen sich unterscheiden:
1. Poitou (dreischiffige Hallenkirchen mit Tonnen im Mittelschiff und Kreuzgratgewölben im Seitenschiff, Chor meist mit Umgang und Kapellenkranz, am Außenbau reiche plastische Gestaltung: St-Savin-sur-Gartempe, um 1080. Dreischiffigkeit des Innenbaus wird in der Westfassadengliederung berücksichtigt: Notre-Dame-la-Grande in Poitiers, Fassade 1145);
2. Auvergne (unterschiedlich hoch gestaffeltes Querschiff mit Vierungsturm: Notre-Dame-du-Port in Clermont-Ferrand, um 1100);
3. Aquitanien (Kuppelkirchen mit zentralisierendem Grundriss: St-Front in Périgueux, seit 1120);
4. Burgund (Weiträumigkeit; ausgezeichnete Steinbearbeitung; feine Ornamentik; ausgeglichene Maße. Zwei Gruppen: dritte Abteikirche in Cluny, 1088–1133, und ihr Kreis; Ste-Madeleine in Vézelay, 1096–1132, und ihr Kreis);
5. Normandie (Auflockerung und Rhythmisierung der Wand: Jumièges, 1040–1052; Caen, seit 1066).
Der Pracht der Kloster- und Bischofskirchen stehen die betont einfachen Kirchen des Zisterzienserordens gegenüber.
Seit der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts verlagerte sich mit dem Beginn der Gotik der Schwerpunkt der baukünstlerischen Entwicklung nach dem Norden. In der Île-de-France bildete sich das neue gotische Wölbsystem mit der Zusammenfassung von Kreuzrippengewölben, Spitzbogenarkaden und Strebepfeilerarchitektur aus. 1140–1144 entstand in St-Denis der erste gotische Chor mit doppeltem Umgang und Kapellen, die ein einheitliches Gewölbe mit dem äußeren Umgang verbindet. Den durchbrochenen, vielschichtigen Wandcharakter betonte die Neuerung des Triforiums zwischen Emporenzone und Fensterzone (Noyon, 1155). Nach den Kirchen der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts (Laon, Soissons, Paris) gelangte die Entwicklung mit drei großen Kathedralen im 13. Jahrhundert zu folgerichtiger Vollendung: Chartres (nach 1194 bis um 1260), Reims (1211–1310) und Amiens (1220–1269). Die kühnste Verwirklichung gotischer Baugedanken zeigt die Ste-Chapelle (1243–1248) in Paris mit der völligen Entmaterialisierung der Wände zugunsten der Fenster.
Die Architektur der französischen Renaissance wurde zunächst von lombardischen Baugedanken und Dekorationsformen geprägt. Das bedeutendste Beispiel italienischen Einflusses ist das Schloss von Fontainebleau. Wichtigste Bauaufgaben des 16. und 17. Jahrhunderts waren Schloss und Stadtpalais (Hôtel).
Die französische Barockarchitektur unterscheidet sich von der italienischen und deutschen durch Ausgewogenheit der Maßverhältnisse, Verzicht auf bewegte Wände und durch die klassizistische Komponente. Bedeutende Architekten dieser Zeit waren J. Lemercier, F. Mansart, C. Perrault und J. Hardouin-Mansart. Ihre großartigste Ausprägung fand die Barockarchitektur im Grand Style unter Ludwig XIV. in der Louvrekolonnade (Perrault) und im Schloss von Versailles, das mit seinen Parkanlagen vorbildlich für viele europäische Fürstenhöfe wurde.
Vorbereitet durch den Stil Ludwigs XVI. und unter dem Einfluss der römischen Antike setzte sich mit dem Panthéon in Paris von J.-G. Soufflot, den Kolonnaden der Place de la Concorde und dem Petit Trianon in Versailles, beide von J.-A. Gabriel, ein neuer Klassizismus durch. Die bedeutendsten Architekten des daraus abgeleiteten Empire waren F. L. Fontaine und C. Percier.
Der Eklektizismus, der die französische Architektur des 19. Jahrhunderts bestimmte (Paris: Oper von C. Garnier, 1861–1874; Kirche Sacré-Cœur von Paul Abadie, 1875–1891), wurde durch kühn gestaltete Eisenkonstruktionen überwunden; sie waren Vorläufer des von G. Eiffel für die Pariser Weltausstellung errichteten Turms (1889).
Der Eisenstil klang in den Ornamenten des Art Nouveau anmutig aus (Métro-Portaleingänge in Paris, 1900). Nach dem 1. Weltkrieg prägten Le Corbusier und seine Schüler entscheidend den Stil der französischen Baukunst. In den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg erregten große städtebauliche Projekte wie die Neugestaltung des Hallenviertels in Paris und des Stadtzentrums von Ivry (Jean Renaudie) Aufsehen. Im Westen von Paris entstand 1989 das 110 m hohe Bürohaus „Arche La Défense“ in Form eines Triumphbogens des dänischen Architekten Johan Otto von Spreckelsen. Sir R. Rogers und R. Piano schufen 1971–1977 auf dem Gebiet der ehemaligen Markthallen von Paris das „Centre Pompidou“ im Stil der Hightech-Architektur. 1989 erregte die gläserne Pyramide des US-Amerikaners I. M. Pei als neuer Eingang des Grand Louvre Aufsehen. G. Aulenti baute 1989 den Gare d’Orsay zum Musée d’Orsay für die Kunst des 19. Jhs. um und durch Ch. Portzamparc entstand 1990–1992 die Cité de la Musique. In Lille wurde 1990–1994 der Bahnhof Lille – Europe gebaut. Er liegt im sog. Euralille-Komplex, einem städtebaulichen Mehrzweckprojekt, an dem der niederländische Architekt R. Koolhaas beteiligt war.
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