Lesen ist eine fundamentale Fähigkeit. Nur wer mit dem geschriebenen Wort zurechtkommt, kann sich in unserer modernen, informationsbasierten Gesellschaft problemlos orientieren. Umso wichtiger ist es, Kinder rechtzeitig an das Lesen heranzuführen: am besten durch Vorlesen. "Mit dem Vorlesen können Eltern nicht früh genug anfangen", sagt Antje Neubauer vom Fachkuratorium Bildung der Deutsche Bahn Stiftung. "Ohne Lesekompetenz kein Erfolg in der Schule und im Job."
Studien belegen, dass Vorlesen ein hochwirksamer Impuls für die sprachliche Entwicklung von Kindern ist und sie dazu motiviert, selbst Lesen zu wollen. Doch der Effekt des Vorlesens geht noch weit darüber hinaus. So fördert es nachweislich die sozialen Kompetenzen und die persönliche Entwicklung der Heranwachsenden – und auch die kognitiven Fähigkeiten profitieren: Wird Babys ab dem neunten Lebensmonat vorgelesen, können sie im Alter von vier Jahren sogar einen zwei- bis dreimonatigen Vorsprung in der Hirnentwicklung haben.
Mehrheit fängt zu spät an
Je früher Eltern mit dem gemeinsamen Betrachten und Vorlesen von Büchern beginnen, desto stärker profitiert der Nachwuchs. Untersuchungen zur Wirksamkeit des Vorlesens zufolge sollte es bereits im ersten Lebensjahr zu einem festen Bestandteil des Tagesablaufs werden. Doch wie sieht es in der Realität aus? Dieser Frage haben sich Wissenschaftler für die Vorlesestudie 2017 von Stiftung Lesen, Die Zeit und Deutsche Bahn Stiftung gewidmet. Erstmals erhoben sie dafür repräsentative Daten zum Vorlesen bei Kindern im Alter von drei Monaten bis drei Jahren und befragten Eltern in 523 Familien.
Das Ergebnis: Die Mehrheit der Eltern in Deutschland fängt zu spät mit dem Vorlesen an. 55 Prozent aller Väter und Mütter lesen ihren Kindern in den ersten zwölf Monaten nicht regelmäßig vor. In 28 Prozent der Familien ist das sogar innerhalb der ersten drei Jahre der Fall. Paradoxerweise schreiben gleichzeitig 91 Prozent der befragten Eltern dem Vorlesen einen großen oder sogar sehr großen Einfluss auf die Entwicklung der Kinder zu. Und 71 Prozent sind gute Lesefähigkeiten besonders wichtig.
Wann ist der richtige Zeitpunkt?
Warum also greifen Väter und Mütter dann nicht früher und häufiger gemeinsam mit ihrem Nachwuchs zum Buch? In vielen Fällen scheint Unsicherheit ein entscheidender Faktor zu sein. So gab ein gutes Drittel der Eltern an, nicht genau zu wissen, wann der richtige Zeitpunkt ist, um mit dem Lesen anzufangen. Als Folge warten sie länger als nötig damit. Denn viele Eltern glauben, dass ihr Kind erst bestimmte Voraussetzungen erfüllen muss, damit das Vorlesen Sinn macht: zum Beispiel eine ausreichende Konzentrationsfähigkeit.
"Viele Eltern knüpfen das Vorlesen an bestimmte Fähigkeiten der Kinder – dabei stärkt das Vorlesen genau diese Fähigkeiten", betont Studienleiterin Simone Ehmig vom Institut für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen. "Weder muss sich ein Kind bereits länger konzentrieren noch gar sprechen können, damit es vom Vorlesen profitiert." Zu früh gibt es demnach beim Vorlesen nicht. "Besonders junge Familien sollten Spaß daran haben und die Lesefreude früh an ihre Kinder weitergeben", sagt Neubauer.
Vorlesen bis ins Schulalter
Wichtig ist den Experten zufolge auch, nicht zu zeitig wieder mit dem Vorlesen aufzuhören, etwa wenn das Kind in die Schule kommt: "Gerade in den ersten beiden Schuljahren brauchen Kinder die Unterstützung ihrer Eltern, um Freude am Selberlesen zu entwickeln", sagt Rainer Esser, Geschäftsführer der Zeit Verlagsgruppe. "Beim Vorlesen senden Eltern das Signal: Lesen ist Teil unseres Lebens."
Wer nicht weiß, was er vorlesen soll, kann Kinder ab einem bestimmten Alter einfach selbst entscheiden lassen. So hat die Vorlesestudie 2016 ergeben, dass Kinder bereits ganz konkrete Vorstellungen davon haben, welche Geschichten ihnen besonders gut gefallen. So mögen jüngere Kinder zwischen fünf und sechs Jahren vor allem lustige Geschichten. Für Ältere zwischen neun und zehn sind dagegen eine spannende Handlung und interessante Charaktere wichtige Kriterien.
Passende Bücher für Kleinkinder
Die ganz Kleinen können dagegen noch nicht sagen, was sie vorgelesen bekommen möchten – für viele Eltern ein Problem, wie die aktuelle Studie zeigt. Immerhin einem Viertel der Eltern, die ihrem Kind bereits im ersten Lebensjahr vorlesen, fällt es demnach schwer, die richtige Buchauswahl zu treffen. Doch sie können sich Hilfe holen: Unterstützung bei der Auswahl des Vorlesestoffs bietet zum Beispiel die Stiftung Lesen an. Sie hat passende Bücher für Säuglinge und Kleinkinder zum Vorlesen und gemeinsamen Betrachten in einer online zugänglichen Medienempfehlung zusammengestellt.




