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Onlinelehre: Was bedeutet dies für unser Stressniveau?

Studieren alleine vor dem Laptop: Das haben die meisten Studierenden in den letzten zwei Jahren wegen der Corona-Pandemie durchlebt. Viele Betroffene blicken ungern auf die Coronasemester zurück. Einsamkeit und fehlende Motivation prägten die Zeit. Dass das Onlinelernen psychologische Auswirkungen auf Menschen hat, ist längst bekannt. Doch wie wirkt sich die Onlinelehre auf unseren Körper aus?
PST, 26.08.2022
Symbolbild Online-Vorlesung

SDI Productions, GettyImages

Fast drei Millionen Menschen in Deutschland sind Studierende. Ein typisches Studierendenleben konnten sie in den vergangenen Jahren jedoch nicht führen. Sozialer Austausch, Hochschulsport, Freizeitaktivitäten und selbst das Campusleben fielen weg. Die Einschränkungen wegen der Corona-Pandemie machten all dies weitgehend unmöglich. Durch die Onlinelehre wurde besonders die räumliche und gedankliche Trennung von Studium und Freizeit zur Herausforderung.

Zahlreiche Studien bestätigen, dass der digitale Lernbetrieb seelische und körperliche Beschwerden verursachen kann. Diese Ergebnisse beruhten bislang jedoch ausschließlich auf Befragungen der Studierenden und konzentrierten sich meist auf die psychischen Folgen und die mentale Gesundheit. Nun gibt es auch Erkenntnisse darüber, was in unserem Körper dabei passiert und wie sich unser Stressniveau bei der Onlinelehre im Vergleich zur Präsenzlehre verändert.

Was unser Herz und unser Speichel über Stress verraten

Ob sich auch im Körper Unterschiede zwischen Online- und Präsenzlehre feststellen lassen, haben Morris Gellisch von der Ruhr-Universität Bochum und sein Team überprüft. Untersucht wurde das Ganze anhand eines Anatomie-Kurses, bei welchem 82 Studierende in zwei Gruppen aufgeteilt wurden und täglich abwechselnd per Laptop oder im Hörsaal an der 120-minütigen Vorlesung teilnahmen.

Währenddessen wurde die sogenannte Herzratenvariabilität der Teilnehmenden mit Sensoren gemessen. Diese beschreibt, wie sehr die einzelnen Herzschläge zeitlich vom durchschnittlichen Puls abweichen, und ist ein Indiz dafür, wie gestresst der Körper ist. Je geringer die Herzratenvariabilität, also je kleiner die Abweichung ist, desto höher ist das Stressniveau.

Darüber hinaus nahm das Forschungsteam vor und nach dem Kurs Speichelproben der Studierenden, um anschließend die Cortisol-Konzentration im Speichel zu messen. Cortisol ist ein Hormon, welches bei Stress vom Körper ausgeschüttet wird. Daher bedeutet eine hohe Cortisol-Konzentration auch eine erhöhte Stressbelastung.

Und was kam dabei heraus? Gibt es Unterschiede in der Stressbelastung zwischen dem Onlinelernen und der Präsenzlehre? Die kurze Antwort lautet: Ja. Die Messungen der Studie haben gezeigt, dass die Studierenden während der Onlinelehre höhere Herzratenvariabilitäten und geringere Cortisol-Konzentrationen im Speichel aufwiesen. Sie waren also weniger gestresst als bei der Präsenzlehre. Ein geringeres Stresslevel scheint zunächst für eine bessere Lernsituation zu sprechen – könnte man anhand dieser Ergebnisse jedenfalls glauben.

Beim Fernstudium tritt bei Studenten oft eine andere Stressbelastung auf als bei der Präsenzlehre. Dieser Effekt beeinträchtigt auch den Lernerfolg.

StefaNikolic, GettyImages

Positiver Stress

Tatsächlich ist das jedoch nicht der Fall. Anders als man wohl vermuten mag, ist ein gewisses Stressniveau des Körpers zum Lernen essenziell. Diese physiologische Erregung hat starken Einfluss auf Lern- und Gedächtnisprozesse sowie die Aufmerksamkeitsspanne. Man kann sich durch die Hormonausschüttung besser konzentrieren und ist weniger müde. Bei der Teilnahme einer Vorlesung wirkt sich ein gewisses Maß an Stress also positiv aus.

Umgekehrt können ein niedriger Stresshormonwert und eine entspannte Herzratenvariation beim Lernen anzeigen, dass wir mental nur halb bei der Sache sind: Es fehlt die geistige Anregung, die durch die innere Anspannung beim konzentrierten Lernen entsteht. Den Studierenden, die nur Online an der Lehrveranstaltung teilnehmen, fehlte offenbar dieser innere Kick. Bei den wenigen Teilnehmenden, die auch zuhause ein erhöhte Stressniveau aufwiesen, ergaben Fragebögen, dass dies nicht durch positiven Stress, sondern durch vermehrte Ängste ausgelöst wurde – auch dies ist eher kontraproduktiv.

Spaß trotz Stress

Rückschließend erklärt dies, wieso die Studierenden in der Onlinelehre vermehrt Konzentrationsprobleme, Motivationsverlust und Frustration erlebt hatten.

Insgesamt wird die Präsenzlehre also nicht ohne Grund von den Studierenden in der Regel weitaus bevorzugt. Deren klare Vorteile werden nicht nur subjektiv wahrgenommen, sondern können auch anhand des Stresslevels der Studierenden im Körper nachgewiesen werden.

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