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Was die Schönheitsideale der sozialen Medien mit unserer Psyche machen

Ob auf Instagram, TikTok, Facebook oder YouTube: Viele Fotos und Videos in sozialen Medien gaukeln uns perfekte Köper und makellose Schönheit vor Doch was machen diese allgegenwärtigen Idealbilder mit unserem Selbstbild? Wie beeinflussen diese perfekten Selbstinszenierungen beispielsweise die Psyche und das Essverhalten gerade junger Mädchen? Das erklärt uns die Psychologin Eva Wunderer im Interview.

Perfekte Beleuchtung, Make-Up und unzählige Möglichkeiten der Nachbearbeitung machen es möglich: Viele Fotos und Videos zeigen keine normalen, alltäglichen Körper und Gesichter, sondern hochgradig geschönte, perfekt gestylte Inszenierungen. Es geht darum, möglichst schön, schlank und perfekt auszusehen.

Doch für Nutzende sozialer Medien kann diese ständige Konfrontation mit vermeintlichen Schönheitsidealen schwerwiegende Folgen haben: Von ihnen selbst oft unbemerkt, beeinflussen solche Aufnahmen ihr Selbstbild, das Selbstwertgefühl und oft auch das Verhalten. Gerade junge Mädchen wollen genauso schlank und schön sein wie ihre Vorbilder – und das kann im Extremfall zu Essstörungen führen. Wie und warum der Wunsch nach perfekter Selbstinszenierung in den sozialen Medien mit Essstörungen zusammenhängt, untersucht die Psychologin Eva Wunderer von der Hochschule Landshut. Die Hintergründe dazu erklärt sie uns in diesem Interview.

Frau Wunderer, soziale Netzwerke wie YouTube, WhatsApp, TikTok und Instagram sind bei jungen Menschen sehr beliebt, letzteres insbesondere bei Mädchen. Viele von ihnen sind täglich mehrere Stunden online. Welche Auswirkungen kann das auf die jungen Frauen haben?

Wunderer: Die Beschäftigung mit sozialen Medien kann das Wohlbefinden senken und die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper erhöhen. Das ist insbesondere bei sozialen Medien der Fall, die stark auf Bildern basieren, wie z.B. Instagram. Und es gilt nicht nur für junge Frauen: Auch junge Männer werden tausendfach mit Bildern vermeintlich „perfekter“, durchtrainierter Körper konfrontiert und verinnerlichen diese Körperideale.

Wie gehen Sie bei Ihrer Studie vor?

Wunderer: Wir haben 2019 insgesamt 175 von Essstörungen betroffene Personen befragt und damit die erste Studie zu sozialen Medien und Essstörungen in Deutschland durchgeführt. Die Betroffenen füllten dabei einen Fragebogen aus. Wir sind über Einrichtungen an sie herangetreten, z.B. über Kliniken und Wohngruppen, um sicherzustellen, dass sie Ansprechpersonen haben, wenn bei der Studie ein heikles Thema angesprochen werden sollte. Gerade werden noch qualitative Daten aus offenen Fragen ausgewertet. Das geschieht unter Mithilfe von Frida Hierl, einer Studentin aus dem Master Klinische Sozialarbeit hier bei uns an der Hochschule Landshut.

Was ist der Grund dafür, dass die Nutzung von Instagram die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper verstärkt?

Wunderer: Junge Menschen – und im Übrigen auch ältere – werden tausendfach mit vermeintlich perfekten Bildern und Körpern konfrontiert. Das prägt die eigene Wahrnehmung und auch die eigenen Ansprüche. Influencerinnen und Influencer präsentieren sich als Freundinnen und Freunde, obwohl in der Regel wirtschaftliche Interessen und oft ein knallhartes Management dahinterstecken. Bilder werden als „natürlich“ verkauft und wahrgenommen, obwohl sie intensiv vorbereitet und nachbearbeitet wurden.

Ist es nicht mittlerweile allgemein bekannt, dass Fotos in den sozialen Medien meist bearbeitet sind?

Wunderer: Natürlich wissen Jugendliche heute, dass fast alle Socia-Media-Nutzerinnen und Nutzer Filter und Tools zur Bildbearbeitung nutzen. Dennoch zeigte eine Studie, dass bearbeitete Bilder als schöner und sogar als „natürlicher“ wahrgenommen werden. Hinzu kommen Bilder von dem Mädchen von nebenan oder dem Jungen aus der Nachbarklasse, von denen ich mich als junger Mensch noch weniger distanzieren kann. Influencerinnen und Influencer machen das ja beruflich, mit Coaching, vielleicht sogar mit Visagist und Fotografin. Aber das Mädchen um die Ecke? Müsste ich nicht genauso toll aussehen und mein Bild genauso perfekt sein?

Sind Jugendliche, die häufig in sozialen Netzwerken unterwegs sind, also gefährdeter, an Essstörungen zu erkranken, als diejenigen, welche die sozialen Medien wenig nutzen?

Wunderer: Einen unmittelbaren Ursache-Wirkungs-Zusammenhang würde ich nicht formulieren. Essstörungen sind schwerwiegende, lebensbedrohliche psychosomatische Erkrankungen, die vielfältige Ursachen und Auslöser haben. Es gibt biologische Einflüsse, z.B. genetischer Art, sowie psychologische und soziale. Soziale Medien und soziokulturelle Erwartungen und Schönheitsideale sind da nur ein Faktor unter vielen. Soziale Medien machen noch keine Essstörung, aber sie erhöhen das Risiko und können das Fass zum Überlaufen bringen.

Wie geschieht das konkret?

Wunderer: In unserer Studie zeigte sich ein Teufelskreis: Junge Menschen betrachten vermeintlich perfekte Bilder von vermeintlich perfekten Körpern. Sie fühlen sich selbst minderwertig und verändern ihr Ess- und Trainingsverhalten – es findet also ein Transfer statt vom virtuellen ins „reale“, analoge Leben. Sie bekommen „Likes“ und positives Feedback. Das befriedigt wesentliche Grundbedürfnisse nach Selbstwerterhöhung, Spaß und Zugehörigkeit. Gleichzeitig wächst die Angst, die Anerkennung zu verlieren, nicht gut genug zu sein. Es gibt immer noch „Luft nach oben“, um die Vorbilder zu erreichen. Und so geht es weiter in der Abwärtsspirale, schlimmstenfalls hinein in ein essgestörtes Verhalten.

Sind sich die Influencerinnen, wie beispielsweise Heidi Klum, Ihrer Ansicht nach bewusst, welche negativen Folgen ihre perfekte Selbstinszenierung auf manche junge Menschen haben kann?

Prof. Wunderer: Aus meiner Sicht ist mittlerweile zu viel bekannt über den Einfluss sozialer Medien, als dass noch jemand, der sich berufsmäßig damit beschäftigt, sagen könnte: „Das wusste ich nicht!“ Ich sehe die Influencerinnen und Influencer da eindeutig in der Verantwortung. Heidi Klum wurde auch in unserer Studie am häufigsten genannt als Influencerin mit negativem Einfluss auf die eigene Essstörung. Leider stehen hier jedoch oft wirtschaftliche oder individuelle Interessen im Vordergrund, nicht aber das Wohl der jungen Nutzer und Nutzerinnen.

Wie hat sich das Problem in den letzten Jahren entwickelt? Hat es sich aufgrund der Corona-Pandemie Ihrer Meinung nach verstärkt?

Wunderer: Ja, alle Studien aktuell zeigen, dass es vielen Jugendlichen psychisch schlechter geht. Sie haben Angst, sind traurig, fühlen sich einsam. Essstörungen scheinen deutlich zuzunehmen, viele Einrichtungen haben lange Wartelisten. Jugendliche können die üblichen Entwicklungsschritte nicht durchlaufen, sind räumlich und sozial eingeengt und orientieren sich noch stärker an den sozialen Medien. Von Essstörungen Betroffene kreisen noch mehr um Essen, Figur und Gewicht. Viele Menschen erleben einen starken Kontrollverlust. Natürlich kommen viele Jugendliche damit auch zurecht. Für Personen, die ohnehin psychosoziale Probleme haben, kann die jetzige Situation jedoch fatale Auswirkungen haben, deren Ausmaß uns wohl erst nach und nach bewusst werden wird.

Können wir Jugendliche vor diesem Teufelskreis schützen?

Wunderer: Da müssen wir uns alle an die eigene – hoffentlich nicht durch Operationen perfektionierte – Nase fassen: Solange Aussehen, Körper und Fitness eine so herausragende Rolle spielen bei der Selbstwertung und Selbstdarstellung, werden Jugendliche es schwer haben, sich davon abzugrenzen. Wir müssen einerseits also alle hinterfragen, was die wirklich wichtigen Werte sind. Andererseits ist es wichtig, die Medienkompetenz zu fördern und die Diversität in den sozialen Medien zu erhöhen.

Wenn Kinder oder Jugendliche jedoch bereits unter einer Essstörung leiden, wie können Eltern, Erzieherinnen oder Lehrer ihnen dann helfen?

Wunderer: Wenn bei einem Kind oder jungen Menschen ein Verdacht auf eine Essstörung besteht, sollte unbedingt professionelle Hilfe gesucht werden. Es gibt spezialisierte Beratungsstellen, eine Übersicht findet sich auf den Seiten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung BZgA. Essstörungen sind Erkrankungen, keine Schande und kein persönliches oder familiäres Versagen. Und: Sie können geheilt werden.

Quelle: Hochschule Landshut

ABO / Hochschule Landshut, 11.05.2021
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