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"In Afghanistan ist doch immer Krieg"

Samir und Ali sind noch nicht lange in Deutschland. In ihrem Heimatland Afghanistan haben die Teenager Schlimmes erlebt. In Deutschland wollen sie jetzt nach vorne blicken, doch leicht gemacht wird ihnen das nicht.
von Lena Schilder, wissen.de

Wenn Samir nach der Schule noch in Münchens Innenstadt unterwegs ist,  mischt er sich gerne unter die Leute am Marienplatz, verweilt manchmal kurz an einem Brunnen und setzt sich dann in die S-Bahn, die ihn zurück zu seinem Wohnheim bringt. Ein ganz normaler Teenager mit Jeans, Turnschuhen und Kapuzenpulli. Und traurigen Augen hinter seiner Brille. Seit einem Jahr ist er jetzt in Deutschland. Und noch immer findet er es unfassbar, dass er unterwegs keine Angst haben muss. Denn Samir ist ein Flüchtling aus Afghanistan.

Das Gefühl von Sicherheit – für Samir ist es neu. In seiner Heimatstadt Kandahar nahe der pakistanischen Grenze hat er abgetrennte Füße und Köpfe auf der Straße liegen sehen, von Männern, Frauen und Kindern. "Den Taliban ist es egal, wen sie töten", sagt Samir. Kein Wunder, dass der Teenager  mit seiner Heimat hauptsächlich Krieg und Gewalt verbindet. Seine Generation kennt ihr Land nicht anders. Wie auch die Generation davor.

 

Afghanistan kommt nie zur Ruhe
Karte von Afghanistan
wissenmedia, Gütersloh

Afghanistan kommt anscheinend nie zur Ruhe. Vor zehn Jahren, nach 9/11, begann der internationale Militäreinsatz am Hindukusch; die blutige und undurchsichtige Geschichte von Konflikten und Kriegen reicht allerdings viel weiter zurück. Ein Einschnitt in jüngerer Zeit ist das Jahr 1978, als die kommunistische Volkspartei Afghanistans durch einen Staatsstreich an die Macht kam. Bald darauf wurde das Land ein Schauplatz des kalten Krieges – nur dass er in Afghanistan nicht kalt blieb. Die Sowjetunion überfiel das Land, die USA agierten im Hintergrund; die Taliban gewannen an Macht und innerafghanische Konflikte kochten immer wieder hoch. Welches Lebensgefühl verbindet Samir mit seinem Land? "In Afghanistan weißt du nie, ob du von deinen Besorgungen zurückkehrst."

Der Kontakt zur Familie - abgebrochen
Vater und Sohn
shutterstock.com

Samirs Vater ist irgendwann nicht mehr zurückgekommen. Man hat ihn auf der Straße gefunden. Als seine Mutter Samir die Nachricht am Telefon überbringt, befindet der sich gerade in Griechenland - und ist schon seit Wochen, per Auto, Bus, Schiff und streckenweise auch zu Fuß, auf der Flucht. Sein Vater selbst hatte noch alles daran gesetzt – und viel Geld bezahlt –, um seinen ältesten Sohn außer Landes zu bringen;  damit Samir nicht gezwungen werden kann, sich den Taliban anzuschließen. Kurz nach dem Telefonat fliehen auch seine Mutter und die beiden Brüder aus Afghanistan – ob nach Pakistan oder in den Iran, Samir weiß es nicht. Der Kontakt ist abgebrochen.

 

"Die Taliban sind scheiße"

Ali erging es nicht viel anders. Nachdem die Eltern des Achtzehnjährigen getötet wurden, haben  Freunde der Familie seine Flucht organisiert. Seit zwei Jahren lebt er jetzt in Deutschland bei seinem Onkel. Nach Afghanistan will er nie mehr zurück. "Was soll ich dort? Ich habe da keine Familie, keine Unterkunft, keine Arbeit. In Afghanistan gibt es keine Zukunft für mich." Und überhaupt: "Die Taliban sind scheiße. Sie stehen plötzlich vor deiner Tür, während du dich gerade rasierst, sie stürmen in deine Wohnung, schießen um sich und zerstören alles. Einfach so. Oder du triffst einen Mann auf der Straße, der vielleicht sehr nett aussieht, aber du weißt nie, ob er eine Bombe unter der Jacke trägt. Du kannst ihm ja nicht unter die Kleidung schauen.

 

Das Ziel? In Deutschland Fuß fassen!
Blick auf Kabul
istockphoto.com

Samir und Ali wollen jetzt nach vorne schauen, eine Zukunft haben. Sie konzentrieren sich darauf, Deutsch zu lernen und besuchen deshalb regelmäßig die Kurse der Organisation Hilfe von Mensch zu Mensch e.V. Auch ihre Klassenkameraden sind aus den Krisenherden der Welt geflohen - sie kommen derzeit hauptsächlich aus dem Irak, aus Afghanistan und Somalia. Jennifer B. unterrichtet eine Klasse an vier Tagen in der Woche. Der größte Traum der Ethnologie- Studentin mit dem Nebenfach Deutsch als Fremdsprache? "Möglichst vielen Schülern zu einem Abschluss verhelfen" - damit sie eine Chance haben, in Deutschland Fuß zu fassen.

 

"Ich wusste gar nicht, was ein Buch ist."

Ali und Samir wollen ihre Chance ergreifen. Ihr Deutsch ist zwar gebrochen – aber für die kurze Zeit erstaunlich gut. Beide möchten der deutschen Sprache "mit Respekt" begegnen. "Du musst Deutsch lernen, um einen Beruf zu bekommen", meint Samir. "Außerdem ist es blöd, wenn du immer einen Übersetzer brauchst, wenn du einkaufen oder zur Bank gehst." Wie es ihnen hier in München gefällt? "Sehr gut", sagt Ali. Er war sogar schon auf dem Oktoberfest. Lustig sei es dort gewesen. "Es ist besser hier", flüstert Samir. Und korrigiert sich gleich darauf selbst. "Am besten". Er braucht hier keine Angst um sein Leben zu haben, das ist fast alles, was zählt. Und er darf lernen. "In Afghanistan bin ich nicht zur Schule gegangen, ich wusste gar nicht, was ein Buch ist." 

 

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