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Beschneidung – die Perspektive der Medizin

Kleiner Schnitt, große Debatte: Seit einem Urteil des Kölner Landgerichts vom Mai 2012 diskutieren Politiker, Juristen und Religionsvertreter vehement, ob muslimische und jüdische Eltern ihre Söhne beschneiden lassen dürfen, obwohl die religiöse Tradition medizinisch nicht notwendig ist. Auch unter Ärzten wird die Beschneidung kontrovers und keineswegs frei von Ideologie diskutiert – ein Grund für wissen.de, die medizinische Perspektive auf die umstrittene Operation näher zu beleuchten: Von was für einem medizinischen Eingriff ist hier die Rede? Wie sehen die möglichen Folgen einer Beschneidung aus? Und wieso hat die Natur Männer überhaupt mit einer Vorhaut ausgestattet?
von wissen.de-Redakteurin Alexandra Mankarios, September 2012

Dr. Sebastian Işik in seiner Hamburger Praxis
Alexandra Mankarios, Hamburg

Die Operation

Eine lokale Betäubung, ein Schnitt mit dem Skalpell, nähen – innerhalb von zehn Minuten ist die Prozedur überstanden. Bei kleinen Jungen verheilt die Wunde nach drei bis vier Tagen, erwachsene Männer müssen sich drei bis vier Wochen gedulden, bis ihr Allerheiligstes wieder voll einsatzfähig ist, Sex inklusive.

Nicht immer liefern religiöse Gründe den Anlass für die Operation, in vielen Fällen sprechen medizinische Befunde für den Eingriff, allen voran eine schmerzhafte Vorhautverengung – in der Fachsprache Phimose genannt. „Weit über die Hälfte der Beschneidungen, die ich vor dem Kölner Urteil durchgeführt habe, hatten medizinische Gründe“, berichtet Dr. Sebastian Işik. Der Hamburger Allgemeinmediziner ist auf Beschneidungen spezialisiert. Seit dem Kölner Urteil weist er allerdings Eltern ab, die ihre Kinder nach jüdischer oder muslimischer Tradition beschneiden lassen möchten, obwohl er für das Urteil wenig Verständnis hat. Rechtssicherheit geht vor.

 

Komplikationen und psychische Folgen

Komplikationen nach einer fachgerecht durchgeführten Beschneidung sind selten und ähneln denen anderer Routine-Operationen: Nachblutung, Infektion, Komplikationen durch die Betäubung.

Ungleich größer sind die negativen Folgen, wenn die Beschneidung nicht fachgerecht durchgeführt wird. In Dr. Işiks Praxis finden sich immer wieder Patienten ein, die eine falsch durchgeführte Zirkumzision – so der ärztliche Fachausdruck für die Beschneidung – korrigieren lassen möchten. So zum Beispiel kürzlich ein erwachsener Patient, der aus medizinischen Gründen zu einer Beschneidung in einem französischen Krankenhaus war. Zu viel Vorhaut wurde weggeschnitten, nun hat er Schwierigkeiten beim Geschlechtsverkehr. „Man braucht viel Erfahrung, um eine Beschneidung korrekt durchzuführen“, erklärt Işik. „Auch bei Chirurgen oder Urologen kann die Operation misslingen, wenn sie keine Erfahrung mit Beschneidungen haben. Ob sie es glauben oder nicht: Jeder Patient ist anders, wirklich jeder.“

Was den Schnitt selbst anbetrifft, würde sich Işik eher in die Hände eines Mohels, eines erfahrenen jüdischen Beschneiders, begeben, als in die eines unerfahrenen Mediziners. Dass aber noch heute einige Mohelim die Beschneidung an Neugeborenen ohne Betäubung durchführen, heißt der Mediziner nicht gut. „Ohne Betäubung würde ich auf keinen Fall operieren“, betont er.

Über die möglichen psychischen Folgen von Beschneidungen gibt es wenig zuverlässige Daten – Langzeitstudien fehlen, die Auswirkung von Operationen, die in den ersten Lebensjahren stattfinden, sind zudem schwer zu untersuchen. Wissenschaftler wie der Kinderchirurg Maximilian Stehr von der Universität München, so die Frankfurter Rundschau, weisen aber darauf, dass an Säuglingen, die kurz nach der Geburt beschnitten wurden, noch bis zu sechs Monate später Verhaltensauffälligkeiten beobachtet werden, wenn diese etwa eine Spritze erhalten. Der Düsseldorfer Psychoanalytiker Matthias Franz geht zudem davon aus, dass die Beschneidung an kleinen Kindern ein Trauma hinterlässt, das zu "andauernden körperlichen, sexuellen oder psychischen Leidenszuständen" führen könne.

Auch wenn es bislang wenig gesicherte Daten über die psychologischen Auswirkungen von Beschneidungen gibt – ausschließen lassen sich negative seelische Spätfolgen nicht. Die Deutsche Psychotherapeutenvereinigung hat im Juli 2012 in einem offenen Brief an Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger betont, dass eine vorläufige Übersicht über die Forschungsergebnisse deutliche Hinweise auf „langfristig negative psychische Auswirkungen der aus religiösen Gründen durchgeführten Beschneidung“ gezeigt habe. Der Verband rät dringend dazu, vor einer politischen Entscheidung zur Praxis religiöser Beschneidungen in Deutschland alle Studien zum Thema genauer zu sichten.

 

Die Hygienefrage: Beugt Beschneidung Krankheiten vor?

Während Jungen in Deutschland bisher nur aus religiösen oder konkreten medizinischen Gründen beschnitten wurden, ist die Operation in den USA an der Tagesordnung. Zwischen 76 und 92 Prozent der Neugeborenen würden dort beschnitten, schätzte die Weltgesundheitsbehörde (WHO) 2007, die Tendenz sei allerdings fallend. Seit Jahrzehnten gehört die Beschneidung in den Vereinigten Staaten zur Routinebehandlung neugeborener Jungen. Die Maßnahme soll die Hygiene fördern und Infektionen vorbeugen, ist aber unter US-amerikanischen Medizinern immer stärker umstritten.

Der Ursprung des Hygienearguments liegt tief in der Hautfalte zwischen Vorhaut und Eichel. In dem Talg, den die Drüsen dort absondern, dem so genannten Smegma, finden Bakterien und Viren ideale Bedingungen, um sich zu vermehren. Zwar lässt sich das Infektionsrisiko mit Wasser und Seife minimieren, andererseits nimmt es aber längst nicht jeder Mann mit der Hygiene so genau. Laut einer Studie des Offenbacher Marplan-Instituts tragen 38 Prozent der Männer ihre Unterhose mehr als einen Tag, nur 37 Prozent duschen täglich. Işik bestätigt: Es gibt keinen Mann, den ich hier untersuche, bei dem sich nicht wenigstens einige Tropfen Urin oder auch Fusseln unter der Vorhaut angesammelt haben.“

Zu den gefährlichsten Erregern, die sich unter der Vorhaut ansiedeln können, gehört das Humane Papillomavirus, kurz HPV. Es kann bei Männern Peniskrebs, bei der Partnerin Gebärmutterhalskrebs auslösen. Medizinische Studien belegen, dass der Virus bei beschnittenen Männern seltener zu finden ist. Und noch ein Erreger ist nach einer Beschneidung nachweislich schwerer übertragbar: Medizinische Untersuchungen in Afrika belegen, dass sich Männer ohne Vorhaut nur halb so oft mit dem AIDS-Erreger HIV anstecken wie unbeschnittene Männer. Die Forschungsergebnisse waren so überzeugend, dass die Weltgesundheitsbehörde 2007 die Beschneidung von Männern in ihre Liste der Empfehlungen zur AIDS-Bekämpfung aufnahm – vornehmlich allerdings mit Blick auf die meist afrikanischen Länder, in denen HIV besonders stark verbreitet ist. Eine Empfehlung zur flächendeckenden präventiven Beschneidung neugeborener Jungen hat sie ausdrücklich nicht erteilt – die Zustimmung des Mannes sollte unbedingt gegeben werden, so der Standpunkt der WHO.

Als Vorteil einer Beschneidung gilt den meisten Medizinern in unseren Breiten das "Hygiene-Argument" dennoch nicht. Die Risiken der Operation, so der Gedankengang, wiegen nicht die geringfügig geringeren Ansteckungsgefahren, etwa bei Peniskrebs, auf - nur etwa einer von 100.000 Männern ist von der extrem seltenen Krebsart betroffen.

 

Die Vorhaut: verzichtbar oder nicht?

Von Genitalverstümmelung sprechen die schärfsten Gegner der männlichen Beschneidung, von der Beseitigung eines unnützen Krankheitsrisikos die Befürworter. Unklar bleibt dabei häufig, welchen Zweck die Vorhaut eigentlich erfüllt. Kein Wunder, meint Dr. Işik, schließlich liege der Sinn des kleinen Häutchens weit in der Vergangenheit – ein evolutionäres Überbleibsel. „Als die Menschen noch nackt herumgelaufen sind, vielleicht auf Bäume geklettert sind, um Nahrung zu suchen, schützte die Vorhaut den Peniskopf. Das war wichtig: Wenn die Haut dort verletzt wird, blutet es fürchterlich. Und wenn man Pech hat, kann man an so einer Wunde sogar verbluten.“ Heute allerdings kletterten die Menschen ja nicht mehr nackt auf Bäume. „Wir brauchen die Vorhaut heute genauso wenig, wie wir unsere Haare noch als Fell zum Wärmen brauchen“, resümiert der Mediziner.

Indes, die Entscheidung, ob in Zukunft in Deutschland Beschneidungen an Jungen aus religiösen Gründen vorgenommen werden dürfen, wird sich nicht allein an medizinischen Betrachtungen entscheiden, sondern auch nach Abwägung zahlreicher religiöser, juristischer, ethischer und politischer Argumente.

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