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Immer wieder Schule schwänzen

Mathe am Montagmorgen einfach mal ausfallen lassen, die öden Geschichtskurse am sonnigen Mittwochnachmittag ausnahmsweise „verpassen“ – es gibt wohl kaum einen Schüler, der noch nie mit solchen Ideen geliebäugelt hat. Und wahrscheinlich auch kaum Lehrer oder Eltern, die das nicht insgeheim verstehen können. Schwerer nachzuvollziehen ist, dass 12,1 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland – so eine Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen – regelmäßig den Gang zur Schule meiden, an den Haupt- und Förderschulen sogar jeder fünfte Schüler. Kommen dann noch Probleme beim Lernen oder im Elternhaus dazu, kann eine regelrechte Schulverweigerung entstehen: Die Jugendlichen tauchen kaum noch im Unterricht auf und verspielen so am Ende ihren Schulabschluss – 2010 etwa verließen 53.000 Jugendliche in Deutschland die Schule ohne das begehrte Zeugnis. Was bewegt diese hartnäckigen Schulverweigerer? Und wie kann man sie wieder zum Schulbesuch motivieren?
von wissen.de-Redakteurin Alexandra Mankarios

 

„Tierpaten“ – ein Hamburger Projekt für Schulverweigerer

Geben und Nehmen
Alexandra Mankarios
Liebevoll streichelt der vierzehnjährige Fabian (Name geändert) die Haflingerstute Bonnie. Eben hat er sie gestriegelt, gleich geht es mit der Trainingskutsche hinaus auf den Übungsplatz. Bonnie soll lernen, ihr Gewicht beim Laufen besser zu verlagern. Fabian müsste an diesem Donnerstag eigentlich in der Schule sitzen und auch etwas lernen. Aber das hat er schon seit zwei Jahren nicht mehr gemacht. Dass er heute stattdessen in einem Pferdezucht-Betrieb im Hamburger Stadtteil Iserbrook bei der Tierpflege mithelfen darf, verdankt er dem Projekt „Tierpaten“ der „Regionalen Beratungs- und Unterstützungsstelle“ (REBUS), die Hamburger Schulen unter anderem im Umgang mit Schulverweigern unterstützt. Die Arbeit auf dem Hof soll ihm dabei helfen, den Weg zurück in die Schule zu finden.

Ob Kaninchen oder Schildkröte
Alexandra Mankarios
Bei den Tierpaten steht neben der Ponypflege auch die Versorgung der projekteigenen Kaninchen, Schweine, Vögel, Frettchen, Schildkröten und Hühner auf dem Programm. Für Jugendliche wie Fabian sind diese täglichen Pflichten nach langer Zeit die ersten Aufgaben, die sie gewissenhaft und motiviert erledigen.

Rund 15 Kinder und Jugendliche zwischen neun und 17 Jahren erhalten bei den „Tierpaten“ derzeit die – meist letzte – Gelegenheit, ihre Schulkarriere wieder aufzunehmen oder den Abschluss nachzuholen. Einige verbringen ganze Vormittage in dem Projekt, andere nur wenige Stunden in der Woche als „Unterrichtsergänzung“. Neben der Tierpflege steht auch Unterricht auf dem Stundenplan, aber in kleineren Gruppen, mit geringerem Leistungsdruck und intensiverer Betreuung als im normalen Schulalltag.

Wieso die Versorgung der Tiere den Schülern dabei hilft, wieder die Schule zu besuchen, erklärt die Sonderpädagogin Christiane Wenning, die die „Tierpaten“ betreut: „Die Jugendlichen können hier wieder soziale Kontakte aufnehmen und ihre eigenen Leistungen positiv erleben. Was wir tun, ist zwar pädagogisch, aber trotzdem ganz anders als in der Schule – ein angstfreier Raum, an dem sie sich wieder ans Lernen gewöhnen können.“

 

Strategien gegen das Schwänzen: Zuckerbrot und Peitsche

Neben pädagogischen Angeboten wie den Hamburger „Tierpaten“ setzen die Behörden aller Bundesländer auch auf eine ganze Reihe repressiver Mittel, um Dauerschwänzer zur Räson zu bringen. So müssen die Eltern in mehreren Bundesländern mit Bußgeldern zwischen 80 und 1.000 Euro rechnen. Immer öfter schicken Jugendrichter Schulverweigerer auch kurzerhand für einige Tage in Jugendarrest.

In einigen Bundesländern müssen Schüler außerdem damit rechnen, beim Schwänzen von der Polizei aufgegriffen und zwangsweise in die Schule gebracht zu werden. So zum Beispiel in Bayern: Dort hat die Polizei etwa im Schuljahr 2010/11 rund 2.000 Schüler aufgespürt und in ihre Schulen zurückgebracht – für die Behörden eine Erfolgsmeldung.

„Unsere erfolgreiche bayerische Schulschwänzerinitiative ist ein wichtiger Beitrag der Polizei gegen Kinder- und Jugendkriminalität", verkündete Bayerns Innenminister Joachim Herrmann am Ende des Schuljahres. Was er meint: Notorisches Schulschwänzen kann auch den Einstieg in die Kriminalität bedeuten. Das legt jedenfalls eine Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen nahe. Demnach haben nicht wenige Straftäter früher die Schule geschwänzt. Dass aus jedem Schulschwänzer später ein Straftäter wird, konnte die Studie allerdings nicht nachweisen. Und ob das Schwänzen vielleicht nur das erste Anzeichen eines größeren – zum Beispiel familiären – Problems ist, darüber liegen ebenfalls keine Daten vor.

„Es ist gut, dass es Maßnahmen wie Bußgelder gibt“, resümiert Thomas Juhl von REBUS. "Aber das allein hilft auch nicht immer, einige Jugendliche gehen dadurch trotzdem nicht wieder zur Schule. Deshalb ist der pädagogische Zugang zu den Jugendlichen so wichtig. Wir können ja nicht alle 14jährigen Schulverweigerer einsperren oder mit Handschellen in der Klasse anketten. Sie müssen schon freiwillig kommen.“

 

Ursachenforschung: Wie kommt es zur Schulverweigerung?

Blaumachen?
shutterstock.com/MANDY GODBEHEAR
Als „Detektivarbeit“ bezeichnet die Tierpaten-Betreuerin Christiane Wenning die Suche nach den Ursachen für das Dauerschwänzen. Viele Gespräche mit den Jugendlichen, ihren Eltern und Lehrern sind häufig nötig, bis zu Tage tritt, was die Schüler vom Unterricht fernhält.

Obwohl eigentlich jeder Fall ein Einzelfall ist, erkennt sie drei größere Gruppen von Jugendlichen, die sich von der Schule abwenden: „Oft sind die Eltern psychisch krank oder etwa alkoholabhängig. Diese Schüler trauen sich nicht, die Eltern allein zu lassen“, erklärt die Sonderpädagogin. Bei einer zweiten Gruppe sieht Wenning die Ursache in Lernproblemen. „Die Schüler haben zum Beispiel eine starke Lese-Rechtschreib- oder Rechenschwäche. Dadurch haben sich im Lauf der Schulzeit so viele Versagenserlebnisse angehäuft, dass sie irgendwann den Unterricht einfach meiden.“ Schülern der dritten Gruppe falle es schwer, sich sozial in die Klasse einzufügen, sie ecken häufig an, fallen auf und gelten als Außenseiter.

Erst wenn die Ursache erkannt ist, kann eine Lösung gefunden werden – etwa ein Schulwechsel, eine berufsfördernde Maßnahme, psychologische Unterstützung oder die Teilnahme an einem Projekt wie den Tierpaten, das mittelfristig zu einer Rückkehr in die Schule führen soll. Oft ist auch das Jugendamt an der Lösung beteiligt, um Schwierigkeiten im Elternhaus auszuräumen.

 

Frühwarnsignale

Verpasst ein Schüler einen großen Teil des Unterrichts, dann gesellen sich zu den Gründen, die zum Schwänzen geführt haben, in kürzester Zeit weitere Probleme hinzu: Die Noten sacken ab, die Distanz zu den Schulkameraden vergrößert sich, die Überwindung zu einem „Wiedereinstieg“ fällt mit jedem Tag schwerer. Für alle Beteiligten erfolgreicher kann die Schullaufbahn verlaufen, wenn die Schwierigkeiten der Jugendlichen erkannt werden, ehe sie sich buchstäblich von der Schule verabschieden.

„Wenn wir die Karrieren der Schüler zurückverfolgen, stellen wir fest, dass  das Fehlen häufig schon in der Grundschule losgeht“, berichtet Axel Sylvester von REBUS. Dort hätten viele spätere Schulverweigerer schon 30 oder 40 Tage gefehlt – allerdings entschuldigt. „In vielen Fällen haben das Kind oder die Eltern starke Trennungsängste. Da kommt es dann schnell dazu, dass die Mutter bereit ist, eine Entschuldigung für das Kind zu schreiben, zumal das vielleicht sogar tatsächlich Bauchschmerzen bei dem Gedanken an die Schule hat.“ Oder die Ursachen liegen im sozialen Bereich: „Einige Kinder landen früh in einer Außenseiterrolle, vielleicht weil sie sich anders verhalten oder gehänselt werden. Auf jeden Fall lernen sie früh, dass sie dieses Problem vermeiden können, wenn sie einfach nicht in die Schule gehen. Das verselbstständigt sich dann später.“

Beim Übergang in die Sekundarstufe zerbricht dann mitunter endgültig die innere Bindung an die Schule. Wenn dann auch noch durch schlechte Leistungen die Aussicht auf einen Schulabschluss sinkt, fällt der Ausstieg noch leichter. Haupt- und Förderschüler sind übermäßig häufig betroffen – die Gruppe, die selbst mit Schulabschluss nur vergleichsweise geringe Berufsaussichten hat.

 

Hoffnungsträger Inklusion

Große Hoffnungen setzt Thomas Juhl von REBUS in die „Inklusion“: Seit 2009 haben Eltern behinderter Kinder das Recht, den Nachwuchs auf einer Regel- anstatt einer Sonderschule anzumelden, so verlangt es die UN-Behindertenrechtskonvention. Damit das klappt, entwickeln die Schulen derzeit neue Unterrichtskonzepte, in denen die unterschiedlichen Stärken und Schwächen der Schüler mehr Raum haben und jeder in seinem eigenen Tempo lernt. Juhl ist sich sicher: „Wenn man das Schlagwort der Inklusion ‚Wir lassen keinen zurück!’ wirklich ernst nimmt, dann ist das auch eine wichtige Präventionsmaßnahme, um die Zahl der Schulverweigerer zu verringern.“

 

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