wissen.de Artikel

Kann Heimweh krank machen?

Jeder, der schon einmal längere Zeit von zu Hause weg war, kennt vermutlich das stechende Gefühl von Heimweh. Die Gedanken kreisen um die Heimat, um Familie und Freunde. Auch in dem Blockbuster „E.T. – Der Außerirdische“, der am 9. Dezember 1982 in die deutschen Kinos kam, ist der kleine Alien E.T. von Heimweh geplagt. Seine Sehnsucht ist so stark, dass sie ihn irgendwann sogar schwer krank macht. Ist das realistisch?
AMA, 09.12.2022

„E.T. nach Hause telefonieren“, ist wahrscheinlich eines der berühmtesten Zitate der Filmgeschichte. In dem Spielberg-Klassiker, der vor genau 40 Jahren auch in Deutschland erschien, wird der Außerirdische E.T. nach einer Erkundungsmission aus Versehen auf der Erde zurückgelassen. Er freundet sich mit dem Menschenjungen Elliott an, leidet aber sehr unter Heimweh, was ihn schließlich krank macht. Kann das auch heimwehgeplagten Menschen passieren?

Was ist Heimweh?

Heimweh tritt auf, wenn wir von zu Hause und den uns vertrauten Menschen weg sind und uns in einer neuen, ungewohnten Umgebung zurechtfinden müssen. Das gilt sowohl für Menschen, die dauerhaft ihre Heimat verlassen haben, als auch für solche, die nur vorübergehend fort sind, etwa Studierende oder Kinder, die den Sommer im Ferienlager verbringen. Allerdings ist jeder Mensch anders. Während manche große Probleme mit Heimweh haben, kommen andere gut mit der Trennung vom Vertrauten zurecht.

Leidet jedoch jemand unter Heimweh, dann fühlt sich das für den Betroffenen häufig wie ein Verlust, eine Leerstelle im Gefühlsleben an. „Man vermisst nicht nur buchstäblich sein Haus. Man vermisst das Normale, die Routine, den größeren sozialen Raum, denn das sind die Dinge, die uns helfen zu überleben“, erklärt Josh Klapow von der University of Alabama in einem CNN-Interview. Dass quasi „von jetzt auf gleich“ das meiste Vertraute wegbricht, führt bei vielen dazu, dass sie sich unsicher, gestresst und ängstlich fühlen.

Krank durch Heimweh?

Heimweh kann in vielen Formen auftreten, ist in den meisten Fällen aber vorrangig als psychische Belastung spürbar. Betroffene fühlen sich depressiv, lustlos, unsicher, nervös und einsam. Daher wird Heimweh oft als eine reaktive Depression betrachtet, vergleichbar mit der Depression nach einem Trauerfall. Häufig fallen bei Betroffenen depressionsähnliche Symptome auf: Sie weinen oft, schlafen schlecht, können sich nur schwer konzentrieren und ziehen sich zurück. In Einzelfällen kann sich starkes Heimweh tatsächlich zu einer behandlungsbedürftigen Depression entwickeln.

Doch Heimweh kann auch körperliche Symptome auslösen – so wie bei dem kleinen Alien E.T. Die am häufigsten genannten körperlichen Probleme sind Magen- und Darmbeschwerden, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Kopfschmerzen, Müdigkeit und ein kribbelndes Gefühl in den Beinen. Einzelne Studien deuten sogar darauf hin, dass Heimweh das Immunsystem schwächen und in der Folge zu Krankheiten wie Diabetes führen kann.

Was hilft gegen Heimweh?

Heimweh kann also definitiv krank machen und sollte daher stets ernst genommen werden. Betroffene haben verschiedene Möglichkeiten, mit ihrer Sehnsucht nach der Heimat schrittweise klarzukommen. Zunächst sollten sie sich vor Augen führen, dass Heimweh vollkommen normal und natürlich ist. Etwas zu vermissen, bedeutet im Endeffekt ja nur, dass man etwas über alles liebt und eine starke Beziehung zu anderen Menschen pflegt. Heimweh ist also auf keinen Fall eine Schwäche.

Um an einem neuen Ort anzukommen, ist es aber dennoch nötig, das alte Zuhause ein Stück weit zurückzulassen und sich auf die neue Umgebung einzulassen. Das fällt umso leichter, wenn man im Zuge von Events und (Sport-)Kursen soziale Kontakte zu seinem neuen Umfeld knüpft und sich auch am neuen Wohnort ein Freundesnetzwerk aufbaut, das einen stützt.

Es kann außerdem hilfreich sein, einen „Lieblingsort“ zu finden, der auch in der Ferne etwas Vertrautes darstellt, etwa ein Café oder eine bestimmte Bank im Park. Dass im neuen Leben bei Weitem nicht alles schlecht ist, kann auch ein Dankbarkeits-Tagebuch vor Augen führen. Darin notiert man jeden Tag drei Dinge, für die man dankbar ist.

Trotz alledem ist es aber natürlich nicht verboten, Kontakt mit den Liebsten aus der Heimat zu halten. Wie schon E.T. sagte, kann „nach Hause zu telefonieren“ definitiv weiterhelfen. Zu viel Kontakt – etwa tägliche Anrufe – könnten das Heimweh allerdings verschlimmern. In der Regel gelten ein oder zwei Anrufe pro Woche als goldenes Mittelmaß, um dem Heimweh effektiv Einhalt zu gebieten. Aber auch das ist sehr individuell und jeder muss selbst entscheiden, welche Maßnahmen ihm bei Heimweh am besten helfen.

Das könnte Sie auch interessieren