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Steißbein und Co.: Nutzlose Erbstücke unserer Urahnen?

Wir tragen immer noch sichtbare Relikte unserer fernen Vorfahren in uns. Aus Fell wurde Körperbehaarung, aus dem Schwanz das Steißbein. Aber warum sind diese Merkmale noch da? Nutzen sie uns bei unserem modernen Lebensstil überhaupt noch?
AMA, 28.10.2022
Symbolbild Weisheitszähne

peterschreiber.media, GettyImages

Überbleibsel aus der Entwicklungsgeschichte, die im Laufe der Zeit ihre ursprüngliche Aufgabe verloren haben, heißen Rudimente. Die betroffenen Körperteile sind über Generationen schließlich stark verkümmert oder geschrumpft. Rudimente entstehen, wenn sich die Lebensumstände einer Art verändern und manche Körperteile dadurch überflüssig werden. Als unsere Vorfahren zum Beispiel mehr Zeit in der Savannenhitze verbrachten, benötigten sie ihr Fell nicht mehr und es bildete sich Schritt für Schritt zu unserer spärlichen Körperbehaarung zurück.

Die Körperbehaarung des Menschen geht auf affenartiges Fell zurück, erfüllt aber an dem meisten Körperstellen keine Funktion mehr.

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Zwischen nutzlos und nützlich  

Neben dem nutzlos gewordenen Fell tragen wir auch noch andere Erbstücke unserer frühen, primatenähnlichen Vorfahren in uns, die heutzutage keine Funktion mehr erfüllen. Ein Beispiel dafür sind Ohrmuskeln. In früheren Zeiten konnten wir unsere Ohren bewegen und in die Richtung drehen, aus der ein interessantes Geräusch kam, ähnlich wie bei Hunden und Katzen. Drehen können wir die Ohren aber schon längst nicht mehr. Manche können höchstens noch mit ihnen wackeln, aber eine richtige Aufgabe erfüllen die Ohrmuskeln heutzutage nicht mehr.

Bauchmuskeln in Form eines "Sixpacks" sind zwar ein Fitnessideal, aber in ihrer segmentierten, parzellierten Form mit Zwischensehnen gehen sie auf unsere fischartigen Vorfahren in grauer Vorzeit zurück.

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Doch nicht alle Rudimente sind nutzlos. Manche haben zwar ihre ursprüngliche Funktion verloren, sich im Laufe der Zeit aber neu erfunden und anderen Aufgaben zugewandt. Das ist zum Beispiel beim Steißbein so. Es stellt die rudimentären Reste eines ehemaligen Schwanzes dar. Unsere Vorfahren griffen damit beim Klettern nach Ästen und hielten die Balance. Uns modernen Menschen hilft das Steißbein selbstverständlich nicht mehr beim Klettern, dafür aber bei etwas anderem. Mittlerweile hat es sich nämlich zu einem Ankerpunkt umfunktioniert, an dem mehrere Sehnen, Bänder und Muskeln ansetzen.

Das Beispiel des Steißbeins zeigt, warum manche Körperteile unserer Urahnen im Laufe der Zeit nicht komplett verschwunden sind, sondern sich lediglich zu ihrer heutigen Form zurückgebildet haben. Andere Relikte, wie etwa die Ohrmuskeln, haben zwar keine neue Aufgaben für sich entdeckt und bringen uns daher keinen aktiven Nutzen mehr. Auf der anderen Seite schaden sie uns aber auch nicht und sind deshalb vermutlich noch in Ansätzen da.

Auf diesem Röntgenbild kann man erkennen, zu welchen extremen Fehlstellungen der Platzmangel bei den Weisheitszähnen im Oberkiefer geführt hat.

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Gefahr aus der Urzeit

Doch wie sieht es mit Rudimenten aus, die uns auch schaden können? Wie der berühmt-berüchtigte Blinddarm oder die Weisheitszähne? Gerade der Blinddarm ist tatsächlich mehr als der nutzlose Ärger-Macher, für den ihn vermutlich viele halten. Zwar neigt sein Wurmfortsatz (Appendix) zu Entzündungen, die lebensbedrohliche Folgen haben können, doch der Appendix nutzt unserem Körper auch, indem er das Immunsystem unterstützt. In ihm lagern gute Darmbakterien. Nach einer Magen-Darm-Infektion kommen die Bakterien aus dieser Notreserve hervor und helfen uns dabei, wieder zu Kräften zu kommen.

Das ist wahrscheinlich auch schon immer seine Funktion gewesen. Die volkstümliche Theorie, dass der Blinddarm unseren Vorfahren dabei half, zähe Blätter zu verdauen, stimmt dementsprechend vermutlich nicht. Der Blinddarm ist also anders als früher angenommen gar kein Rudiment und deshalb noch in unserem Körper „verbaut“, weil er eine Aufgabe erfüllt.

Anders sieht es bei den Weisheitszähnen aus. Sie sind wirklich ein Rudiment, aber ebenso als Unruhestifter bekannt. Die Weisheitszähne sind ein Extra-Set an Backenzähnen, das meist zwischen dem 17. und 25. Lebensjahr aus dem Zahnfleisch hervorbricht. Dort ist für sie aber häufig kein Platz mehr, sodass sie schräg wachsen und dabei andere Zähne schädigen oder Infektionen wie Karies verursachen können. Die Weisheitszähne sind ein Relikt aus einer Zeit, in der unsere Vorfahren zähe, feste Nahrung zu sich nahmen. Die extra Zähne halfen ihnen beim Kauen und da ihre Kiefer ohnehin größer waren als heute, fanden sie problemlos darin Platz.

Sobald die frühen Menschen allerdings das Kochen erfunden hatten, machte das ihre Nahrung weicher und einfacher zu kauen. Die großen Kiefer wurden nicht mehr benötigt und schrumpften mit der Zeit. Doch die Weisheitszähne blieben und demonstrieren heute oft, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr in unsere moderne Welt passen. Diese Botschaft haben sie aber klar und deutlich verstanden, weshalb sie tatsächlich immer seltener im menschlichen Kiefer vorkommen. 35 Prozent der Menschen haben von vornherein keine Weisheitszähne mehr.

Die Weisheitszähne verdeutlichen, dass wir gerade mitten in einem Prozess der Evolution stecken. Unsere fernen Nachfahren werden vermutlich gar keine Weisheitszähne mehr haben. Wir vereinen in unserem Körper also Organe aus der Vergangenheit und solche, die es in Zukunft vielleicht nicht mehr geben wird. Das Erbe aus der Vergangenheit ist mal nutzlos, mal nützlicher als erwartet und mal gefährlich, dann aber wahrscheinlich irgendwann wirklich endgültig verschwunden.

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