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Archaeopteryx: Was macht den Urvogel so besonders?

Der Urvogel Archaeopteryx ist eines der berühmtesten Fossilien der Welt – und eine Ikone der Evolutionstheorie. Denn sein Fund bewies erstmals, dass Charles Darwin Recht hatte und dass sich die verschiedenen Tiergruppen durch Übergangsformen entwickelt haben. Archaeopteryx war das erste Fossil, das die Existenz solcher "Missing Links" belegte. Deshalb wurde der Urvogel jetzt zum Fossil des Jahres 2020 gekürt.

Archaeopteryx-Fossil im Jura-Museum Eichstätt
Das Eichstätter Archaeopteryx Exemplar wurde 1951 gefunden und ist seit der Eröffnung des Jura-Museums in Eichstätt im Jahre 1976 eines der Highlights der dortigen Ausstellung.

Die Vorgeschichte des Archaeopteryx-Fossils beginnt im Jahr 1859. Zu diesem Zeitpunkt hat der englische Naturforscher Charles Darwin gerade ein Buch veröffentlicht, das alles bisher Dagewesene auf dem Kopf stellt: In seiner Abhandlung „Die Entstehung der Arten“ postuliert er, dass Tier- und Pflanzenarten nicht durch Schöpfung entstanden sind, sondern sich allmählich, im Laufe einer Jahrmillionen dauernden Evolution, aus gemeinsamen Vorfahren entwickelt haben. Das ist ein Skandal – jedenfalls für viele seiner Zeitgenossen.

Darwin ist zudem überzeugt, dass Relikte dieser allmählichen Evolution als Übergangsformen zwischen den verschiedenen Tierarten und -gruppen erhalten sein müssten – als Fossilien. Doch zum Zeitpunkt der Veröffentlichung seiner Evolutionstheorie hat man noch keinen eindeutigen Kandidaten für ein solches "Missing Link" gefunden. Sollte Darwin sich geirrt haben?

Archeopteryx im Natural History Museum, London
Das 1861 gefundene Londoner Exemplar mit gut erhaltenen Federn
Der erste Fund: Reptil? Vogel?

Doch 1861 ändert ein Fund im Kalksteinbruch von Solnhofen in Bayern alles. Arbeiter stoßen auf eine Kalkplatte, in der das versteinerte alte Skelett eines merkwürdigen Wesens konserviert ist: Deutlich zeichnen sich in dem feinen Material krallenbesetzte Klauen und ein dinosaurierartig langer Schwanz ab, gleichzeitig aber finden sich eindeutige Abdrücke von federbesetzten Flügeln. Zudem besitzt dieses "Archaeopteryx" getaufte Wesen wie die heutigen Vögel ein Gabelbein und auch seine Federn haben einen vogeltypischen Aufbau.

Doch worum handelt es sich? In dieser Frage sind sich auch die Paläontologen zunächst uneins. Einige von ihnen halten das Fossil für eine Übergangsform zwischen Reptilien und Vögeln – und damit eines der von Darwin postulierten "Missing Links". Andere dagegen, wie der Konservator der bayrischen Staatsammlung, Andreas Wagner, halten dieses Fossil keineswegs für eine Übergangsform, sondern nur für einen ungewöhnlichen, weil gefiederten Dinosaurier. "Solange ich nicht durch den Fund der fehlenden Teile vom Gegenteil überzeugt werde, zögere ich nicht, es zu einem Reptil der Ordnung der Saurier zu erklären. Ich gebe ihm daher den Namen Griphosaurus, abgeleitet von ‚Grifon‘ – Rätsel", so Wagner.

Allerdings ist der Paläontologe nicht unvoreingenommen, gehört er doch zu den erbitterten Gegnern von Darwins neuer Evolutionstheorie. Dies macht er auch unzweifelhaft klar: "Darwin und seine Anhänger werden die neue Entdeckung wahrscheinlich als extrem willkommenen Anlass für eine Rechtfertigung ihrer abenteuerlichen Ansichten über die Veränderungen der Tiere nutzen. Aber dazu haben sie nicht das Recht." Der Streit um die wahre Natur des Archaeopteryx sollte noch fast hundert Jahre andauern.

Ein Experiment der Evolution

Seither jedoch wurden in den Solnhofener Plattenkalken noch zwölf weitere Fossilien von Urvögeln gefunden. Neun davon gehören eindeutig zur Gattung Archaeopteryx, zwei weitere höchstwahrscheinlich. Jeder dieser Archaeopteryx-Funde trug dazu bei, unser Bild von diesem 150 Millionen Jahre alten Urvogel klarer werden zu lassen. Inzwischen wissen wir, dass der Archaeopteryx tatsächlich ein früher Verwandter unserer heutigen Vögel war - ein Experiment der Evolution, die damals verschiedene Varianten von Übergangsformen zwischen Dinosauriern und modernen Vögeln "ausprobierte".

"Obwohl seitdem zahlreiche neue Urvogelfunde, insbesondere aus China, geholfen haben, Archaeopteryx in seinen breiteren Kontext zu stellen, hat er seine Bedeutung in der Diskussion um den Ursprung der Vögel behalten: Archaeopteryx ist sozusagen der 'Urmeter' der Vogelevolution an dem alle neuen Funde gemessen und bewertet) werden", erklärt der Paläontologe Oliver Rauhut von der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie.

Schwarze Flügel und flatternder Flug

Analysen der Archaeopteryx-Fossilen haben auch einiges mehr darüber verraten, wie dieser Urvogel aussah und lebte. So besaß Archaeopteryx wahrscheinlich befiederte Beine und seine Flügelfedern waren tiefschwarz. Dennoch war er wohl kein sonderlich guter Flieger. Zwar waren seine Flügelknochen und Federn denen heutiger Vögel schon sehr ähnlich, dafür aber fehlten ihm im Schultergürtel entscheidende anatomische Anpassungen an das Fliegen. Paläontologen vermuten daher, dass Archaeopteryx zwar kurze Strecken flattern konnte, nicht aber lange Strecken fliegen.

Interessant auch: "Den" Archaeopteryx gab es vermutlich gar nicht. Denn selbst die wenigen bekannten Fossilien dieses Urvogels zeigen einige subtile Unterschiede. "Auffällig ist insbesondere die starke Variation in der Bezahnung und somit möglicherweise im Nahrungserwerb – keine zwei Exemplare zeigen das exakt selbe Muster“, berichtet Rauhut. "Dies erinnert an die berühmten Darwinfinken und ihre Variation in der Schnabelform."

Lebendrekonstruktion eines Archaeopteryx mit schwarzem Gefieder
Nach neueren Untersuchungen ist anzunehmen, dass zumindest ein Teil des Gefieders schwarz war.

Position im Vogelstammbaum ist strittig – bis heute

Über einen Punkt allerdings streiten Paläontologen bis heute:  Wo genau der Archaeopteryx im Vogelstammbaum steht. Lange wurde er als Seitenast an der Basis der sogenannten Avialae eingeordnet, dem Zweig des Vogelstammbaums, aus dem später die heutigen Vögel hervorgingen. Doch im Jahr 2011 entdeckten Paläontologen in China ein Fossil, das dem Archaeopteryx sehr ähnelte, aber eindeutig enger mit gefiederten Dinosauriern verwandt war. War Archaeopteryx demnach doch kein echter Urvogel?

Schon 2013 zog ein weiterer Fossilfund in China diese "Herabstufung" jedoch wieder in Zweifel. Denn dieser Aurornis xui getaufte Fund war deutlich älter als Archaeopteryx, zeigte aber schon alle wichtigen Merkmale eines Urvogels – und er besaß entscheidende Gemeinsamkeiten mit dem Archaeopteryx. Die Paläontologen sehen seither auch den Archaeopteryx wieder als Mitglied der Avialae. Die Ikone der Evolutionstheorie ist damit wieder als Urvogel rehabilitiert - vorerst.

Das Fossil des Jahres

Die Paläontologische Gesellschaft wählt jedes Jahr ein besonderes Fossil zum „Fossil des Jahres“. Diese Auszeichnung soll veranschaulichen, wie wichtig diese Relikte der Urzeit für unser Wissen über die Geschichte des Lebens sind. Erst die Fossilien eröffnen uns Einblicke darin, wie Tiere und Pflnazen sich im Laufe der Evolution entwickelt und verändert haben. In diesem Jahr ist eines der berühmtesten Fossilien überhaupt zum Fossil des Jahres gekürt worden – der Urvogel Archaeopteryx. Vertreten wird die Gattung durch das sogenannte Eichstätter Exemplar, das im Jura-Museum Eichstätt zu sehen ist.

NPO, 20.01.2020
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