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Die Deutschen und ihre Ängste

„Angst essen Seele auf“ heißt ein Sozialdrama von Rainer Werner Fassbinder aus dem Jahr 1973. Und irgendwie scheinen in Deutschland besonders viele Menschen von Ängsten, wenn nicht zerfressen, so doch zumindest anhaltend geplagt zu werden. War es vergangenes Jahr die Angst vor der asiatischen Vogelgrippe bzw. einer möglichen Pandemie, die die deutschen Debatten wochen-, ja monatelang bewegten, so erhitzten in diesem Jahr einige einsame Koffer bzw. Rücksäcke auf Bahnhöfen und in Zugabteilen die von Terrornachrichten durchdrungenen Gemüter und ließen nach einer ARD-Umfrage immerhin 31 Prozent fürchten, Opfer eines Anschlags zu werden.

von Michael Fischer, wissen.de

Streicheleinheiten für sensible Seelen

Wenn der Deutschen liebster Talkmaster, Thomas Gottschalk, eine verlorene Wette einlöst und dafür einen Tag lang den Chefredakteur der BILD spielt, dann wirft auch das ein Licht auf den Gemütszustand der Deutschen. Denn bei Gottschalk durften es nur gute Nachrichten sein, die in „seiner“ Ausgabe gedruckt wurden. Können wir Deutschen mit schlechten Nachrichten nicht gut umgehen? Oder hat unsere sensible Seele einfach einmal umfassende mediale Streicheleinheiten nötig? Wenn Massenmedien von Bedrohung sprechen oder schreiben, dann bricht die Angst plötzlich an der Fleischtheke oder auf dem Bahnhof aus.

Hat die Angst „ihr Verhältnis zur Erfahrung verloren“, wie der britische Soziologe Frank Furedi in seinem Buch „Politics of Fear“ behauptet? Tatsächlich scheint nicht mehr die die unmittelbare, reale Bedrohung Auslöser vieler Ängste zu sein, sondern vielmehr Stimmungen und die eigene Wahrnehmung der Realität. 

 

Was sind Ängste eigentlich?

Wer kennt das nicht: Plötzlich beginnen die Knie zu zittern, Schweiß bricht aus oder man beginnt zu stottern. Oft sind das klare Anzeichen für einen Angstzustand. Doch Ängste stimulieren auch das Nervensystem, steigern die Konzentration und die Handlungsbereitschaft. Ohne Ängste hätten unsere Vorfahren nicht überleben können. Und auch für uns gehören sie zum Leben dazu. In der Psychologie wird in diesem Zusammenhang meist zwischen Furcht, Angst und Ängstlichkeit unterschieden. Furcht gilt oft als Spezialfall der Angst im Fall einer unmittelbaren realen Bedrohung. Unter Ängstlichkeit wird immer wieder eine „chronische Erregungsbereitschaft“ – eine generelle Ängstlichkeit – verstanden. Die Unterscheidung zwischen Ängstlichkeit und Angst ist allerdings umstritten. Nach Berechnung des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie leiden mehr als acht Millionen erwachsene Deutsche an behandlungsbedürftigen Ängsten, Depressionen oder ähnlichen Störungen. Zu den klinisch auffälligen Ängsten gehören

  • Agoraphobie (u. a. Platzangst, Klaustrophobie oder Situationsphobie)

  • Hypochondrie

  • Soziale Ängste

  • Angstneurosen

  • Blutphobie und Höhenangst

  • Psychotische Ängste

  • Ängste bei Zwängen

 

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