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Freiwillig Gutes tun: So entstand das Ehrenamt

Ehrenamtliches Engagement bildet eine wichtige Säule unserer Gesellschaft. In allen Bereichen des Lebens bringen Menschen ihre Zeit, ihre Fähigkeiten und ihre Arbeitskraft ein, um sich unentgeltlich für das Wohl anderer und für die Gemeinschaft einzusetzen. Doch wie ist das Ehrenamt eigentlich entstanden und auf welchen historischen Entwicklungen fußt das Konzept, wie wir es heute leben?
Symbolbild Ehrenamt

© pixabay.com, geralt (CC0-Lizenz)

Das Ehrenamt blickt bereits auf eine lange Tradition zurück, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich der Grundgedanke weiterentwickelt und immer neue Ausprägungen angenommen. Deshalb wird das Ehrenamt bis heute oft symbolisch mit einem Baum gleichgesetzt, dessen Jahresringe für die Entwicklungsschritte stehen, die das Konzept durchlaufen hat, bis es zu dem Begriff des Ehrenamtes wurde, wie er heute gelebt wird. Die Äste des Baumes sind dabei die vielen helfenden Hände, die in die Welt hinausreichen, um etwas zu verändern und einen wichtigen Beitrag zu leisten.

Die Wurzeln des Ehrenamtes im 19. Jahrhundert

Beim Blick auf die Entstehungsgeschichte des Ehrenamtes ist vor allem interessant, dass das Ehrenamt als bürgerliches Konzept zunächst aus politischen und nicht – wie vielleicht vermutet – aus sozialen Beweggründen entstanden ist. Es geht zurück auf die Preußische Städteordnung aus dem Jahr 1808, in der die Beteiligung des Bürgertums an Verwaltungstätigkeiten auf lokaler Ebene festgelegt wurde. In diesem Zusammenhang wurde der Begriff des „Ehrenmannes“ geprägt, der ein „Ehrenamt“ bekleidet, wie es damals bereits hieß. Diese ab nun stärkere Beteiligung des Bürgertums wurde gleichzeitig als Recht und als Pflicht definiert. Wichtig war dabei von Anfang an der Gedanke der Freiwilligentätigkeit und des Unentgeltlichen.

Die Tätigkeiten, die klassische Ehrenämter zur damaligen Zeit umfassten, waren vor allem lokalpolitisch geprägt und hatten einen starken Verwaltungscharakter. Der soziale und humanitäre Gedanke, der heute vielfach mit ehrenamtlichen Tätigkeiten assoziiert wird, ist hingegen erst viel später hinzugekommen. Besonders stark erinnert heute noch das Amt der Schöffen bei Gericht an das Ehrenamt, wie es in seiner ursprünglichen Ausprägung gedacht war.

Ab dem Jahr 1850 wurde das Ehrenamt schließlich eng mit der lokalen Armenhilfe verknüpft. Nun kamen soziale Gesichtspunkte der bürgerlichen Selbstverwaltung und Mitgestaltung zum anfänglichen Konzept hinzu. In einem direkten Zusammenhang damit steht die Entstehung und Verbreitung von Vereinen. Sie gingen aus dem Vereins- und Versammlungsrecht hervor, das sich das Bürgertum in Deutschland im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert erkämpft hatte. Zur Manifestation wurde dieses bis heute wichtige bürgerliche Recht im Jahr 1848 in der Reichsverfassung niedergelegt. Nach dem Ersten Weltkrieg blühte das Ehrenamt erneut auf und erhielt eine neue Bedeutung: als Friedensdienst. Damit rückte nun endgültig der humanitäre und soziale Gedanke dieses Konzepts in den Vordergrund und schlug auch die Brücke zu bis heute wesentlichen Themen wie Völkerverständigung und Friedenssicherung.

Das Erwachen und Erstarken des Vereinslebens und der Fokus auf ein friedliches Miteinander der Völker ließ wiederum eine neue Bürgerbewegung entstehen, die von sozialen Aspekten und zivilem Engagement geprägt war. Auch gesellschaftlichen Phänomenen wie der Frauenbewegung, Gewerkschaften, bürgerlichen Bildungsinitiativen oder Vereinen für sportliche Aktivitäten oder Brauchtumspflege – wie Schützen-, Sport- und Gesangsvereine – liegt der Zeitgeist dieser Epoche zugrunde. Außerdem wurden zu jener Zeit die Grundsteine für gesellschaftliche Konzepte wie den Zivildienst oder das freiwillige soziale Jahr gelegt. Und nicht zuletzt verdanken wir den ehrenamtlichen Aktivitäten des Bürgertums seit Mitte des 19. Jahrhunderts auch essentielle Institutionen wie die Freiwilligen Feuerwehren, die bis heute eine wesentliche Stütze der lokalen Gemeinschaften sind.

Symbolbild Feuerwehreinsatz
Löscheinsatz

© pixabay.com, JoseVelazquezfire

Die Freiwillige Feuerwehr als Inbegriff des Ehrenamtes

Von den ursprünglichen ehrenamtlichen Tätigkeiten, die im 19. Jahrhundert unter politischen Gesichtspunkten für eine stärkere bürgerliche Beteiligung ins Leben gerufen wurden, sind nur noch wenige bis heute in ihrer ursprünglichen Ausgestaltung und Bedeutung erhalten geblieben. Zu stark hat sich der Gedanke des Ehrenamtes seit seiner Entstehung verändert und modernen Vorstellungen und Bedürfnissen angepasst. Die Freiwillige Feuerwehr ist hingegen eine jener weniger ehrenamtlicher Tätigkeiten, die bis heute als gesellschaftlicher Stützpfeiler unerlässlich sind. Seit mehr als 150 Jahren packen Freiwillige dabei unter dem Motto „Gott zur Ehr´, dem Nächsten zur Wehr!" an und sind damit der älteste großflächig organisierte Zusammenschluss von freiwilligen Helfern.

Der Gedanke einer Freiwilligen Feuerwehr, in der sich Bürger semiprofessionell organisieren, um sich gemeinsam effektiv der Brandbekämpfung zu widmen, hat bis heute Bestand. Die Freiwillige Feuerwehr ist auf lokaler Ebene eine essentielle Ergänzung zur Berufsfeuerwehr und zählt zu den wichtigsten Ehrenämtern unserer Zeit. Die Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr verstehen ihre ehrenamtliche Tätigkeit allerdings nicht nur als Hobby, sondern vielmehr als Berufung und als wesentlichen Dienst an der Gemeinschaft. In den meisten Regionen kommt die Freiwillige Feuerwehr außerdem nicht nur bei der Brandbekämpfung zum Einsatz, sondern übernimmt zahlreiche andere humanitäre Tätigkeiten, wie Tierrettung, Bergung und Sicherung im Zusammenhang mit Unfällen, Katastrophenschutz, insbesondere bei Naturkatastrophen, und unterstützt darüber hinaus auf vielfältige Weise im Rahmen der regionalen Brauchtumspflege.

Soziales Engagement steht bei der Freiwilligen Feuerwehr dabei stets im Vordergrund. Vielleicht schlägt gerade diese ehrenamtliche Tätigkeit daher die ideale Brücke zwischen dem ursprünglichen Grundgedanken des Ehrenamtes und jenem Konzept, wie es in unserer heutigen Gesellschaft gelebt wird. Denn heute steht die Freiwillige Feuerwehr für Brandbekämpfung und Katastrophenschutz auf höchstem Niveau. Die Ehrenamtlichen erhalten hierfür eine fundierte Ausbildung in vielfältigen Bereichen und werden außerdem durch professionelles Equipment wie Löschfahrzeuge unterstützt.

Bis heute handelt es sich dabei um eine unentgeltliche Tätigkeit. Die zuständige Gemeinde leistet allerdings eine Erstattung des Lohnes bzw. des Gehaltes für Feuerwehrmänner und -frauen, die während ihrer Arbeitszeit einen Einsatz wahrnehmen. Werden Lohn bzw. Gehalt in dieser Zeit vom Arbeitgeber fortgezahlt, erhält dieser wiederum einen Ausgleich. Entsteht den freiwillig Tätigen ein Verdienstausfall, so wird auch dieser von der Gemeinde ausgeglichen.

Das Ehrenamt in der heutigen Zeit

In Summe lässt sich also feststellen: Die ehrenamtliche Tätigkeit, wie sie heute verstanden und gelebt wird, hat nur noch bedingt etwas mit jenem Gedanken gemein, der ihrer Entstehung zugrunde lag. Was sich hingegen nicht verändert hat, ist die Tatsache, dass Menschen nach wie vor einen unentgeltlichen Beitrag leisten, um anderen zu helfen und der Gemeinschaft zu dienen. Der Zugang zu einer ehrenamtlichen Tätigkeit steht heute darüber hinaus jeder Person offen und ist nicht mehr nur einer auserwählten Gruppe von „Ehrenmännern“ vorbehalten. Der soziale Gedanke hat dabei den Ehrenbegriff sukzessive abgelöst.

Ein wesentlicher Unterschied, der das Ehrenamt heutzutage maßgeblich prägt, ist aber der Wunsch der freiwillig Tätigen, neben der Arbeit für das Allgemeinwohl auch ein gewisses Maß an Selbstverwirklichung und Selbstbestätigung zu erreichen. Viele Ehrenämter werden daher von dem Wunsch geleitet, eigenen Fähigkeiten, Überzeugungen und Vorstellungen von Gesellschaft, Politik oder Religion Ausdruck verleihen zu können und die Gesellschaft vor diesem Hintergrund mitzugestalten. Der Gedanke des freiwilligen Engagements ohne materielle Vergütung bleibt bestehen, wird heute vielfach aber durch eine Komponente persönlicher Entfaltung und Erfüllung ergänzt, bei der aus dem Dienst für das Allgemeinwohl auch ein immaterieller persönlicher Reichtum geschöpft werden kann. Das Ehrenamt rückt heute also näher an den Begriff des Hobbys heran, wird davon aber durch einen dezidierten Fremdnutzen in Ergänzung zum persönlichen Nutzen abgegrenzt.

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