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Wie zutreffend ist unser Selbstbild?

„Ich bin der beste Autofahrer, den es gibt“, „In der Klausur habe ich bestimmt eine Eins geschrieben“. Es gibt Menschen, die sehr von sich selbst überzeugt sind. Damit liegen sie allerdings nicht immer richtig und schätzen sich auch mal besser ein als sie eigentlich sind. Andere hingegen unterschätzen ständig die eigene Leistung und reden sich selbst klein. Woher kommen diese teilweise verzerrten Selbstbilder?
AMA, 12.01.2023
Zwei Schülerinnen mit sehr unterschiedlich  benoteten Klassenarbeiten

AntonioGuillem, GettyImages

Wir können uns selbst und unsere Fähigkeiten nicht objektiv bewerten. Für eine realistische Einschätzung braucht es den Vergleich zu anderen. Doch selbst wenn wir sehen, dass andere – zum Beispiel in einer Klausur – eigentlich objektiv betrachtet besser waren, hat unser Gehirn immer noch einige Mechanismen, mit denen wir uns diese Differenz schön reden können. Vielleicht hat der Lehrer bei den anderen nicht so kritisch geschaut? Oder ich war am Prüfungstag ein wenig erkältet und deswegen nicht so leistungsfähig? Doch was prägt unser Selbstbild? Wieso schätzen sich einige Menschen zu gut, andere dagegen zu schlecht ein?

Hunde und Häuser schätzen

Forschende um Laura Müller-Pinzler von der Universität zu Lübeck sind einer Antwort darauf nun einen Schritt näher gekommen. Sie untersuchten in einem Experiment, wie das Selbstbild verschiedener Menschen entsteht. In diesem Experiment sollten 39 junge Erwachsene das Gewicht von Tieren und die Höhe von Häusern schätzen. „Wir haben diese etwas abstrakten Schätzkategorien gewählt, weil wir davon ausgehen, dass die Studienteilnehmer keine festen Vorannahmen über diese spezifischen Fähigkeiten haben. Auf diese Weise konnten wir die Teilnehmenden dazu bringen, völlig neuartige Selbstkonzepte auszubilden“, erklärt Müller-Pinzlers Kollege Sören Krach.

Vor der Schätzung mussten die Studienteilnehmer zunächst angeben, wie gut sie ihrer Einschätzung nach wohl abschneiden werden. Dann folgte zum Beispiel das Bild eines Hundes, dessen Gewicht die Teilnehmer nun schätzen sollten. Anschließend erfuhren sie, wie gut sie im Vergleich zu den anderen abgeschnitten hatten. Was die Testpersonen jedoch nicht wussten: Diese Angabe war zufällig und hatte nicht immer etwas mit der tatsächlichen Leistung zu tun.

Nach der Bewertung sollten die Teilnehmer angeben, wie sie sich jetzt fühlen: verlegen oder stolz? Da es mehrere Schätzrunden gab, konnten die Wissenschaftler messen, wie sich das Selbstbild der verschiedenen Teilnehmer mit der Zeit veränderte.

Negatives Feedback verringert Selbstwertgefühl

Das Ergebnis: Teilnehmer, denen nach der Schätzung eines Gewichts oder einer Höhe gesagt wurde, dass sie viel schlechter abgeschnitten hatten als die anderen, fühlten sich verlegen – wie zu erwarten war. Doch diese Bewertung hatte auch einen Effekt auf die nächsten Testdurchgänge: Die herabgewerteten Testpersonen schätzten sich in der nächsten Runde schlechter ein, wie Müller-Pinzlers Team berichtet. Auch der umgekehrte Effekt war zu beobachten: Wer vermeintlich unter den Besten des Tests gelandet war, der glaubte auch kommenden Aufgaben besser gewachsen zu sein.

Allgemein gesprochen bedeutet das: Ob wir positives oder negatives Feedback auf eine neue Aufgabe bekommen und uns daraufhin stolz oder verlegen fühlen, beeinflusst, ob wir uns beim nächsten Mal besser oder schlechter einschätzen. Langfristig kann dieser Mechanismus dazu beitragen, dass wir ein gutes oder schlechtes Bild von uns selbst entwickeln.

In der Negativ-Spirale gefangen

Ist ein Selbstbild einmal etabliert, beeinflusst es auch unsere Selbsteinschätzung bei neuen Aufgaben, bei denen wir eigentlich noch gar nicht wissen können, ob wir darin gut oder schlecht sind. Im Experiment beobachteten die Forschenden, dass sich diejenigen mit ohnehin schon geringem Selbstwertgefühl in der nächsten Runde noch schlechter einschätzten, wenn sie in der vorigen Runde negatives Feedback bekommen hatten. Betroffene rutschten also in eine Negativ-Spirale ab, in der ihr Selbstbild kontinuierlich schlechter wurde.

Umgekehrt schätzten sich Teilnehmer, die ohnehin von sich überzeugt waren und dann auch noch mit positivem Feedback belohnt wurden, im nächsten Durchgang noch besser ein als zuvor. „Das stärkt die Annahme, dass frühere Überzeugungen über das Selbst einen direkten Einfluss darauf haben, wie Individuen neue Informationen über neue Fähigkeiten lernen“, berichten die Wissenschaftler. Das bedeutet, dass wir im Angesicht neuer Herausforderungen unser bisheriges Selbstbild als Bewertungsgrundlage nehmen.

Lob und Kritik formen unser Selbstbild

Warum sich manche besser einschätzen als sie vielleicht sind, könnte also daran liegen, dass sie in der Vergangenheit häufig selbst dann gelobt wurden, wenn sie eigentlich keine großen Heldentaten vollbracht haben. Dieses Lob stammt zum Beispiel von unseren Eltern, Freunden oder Lehrern. Anders herum schätzen sich manche vielleicht generell schlechter ein, weil sie von ihrem Umfeld häufig kritisiert wurden – selbst wenn sie womöglich gar nichts falsch gemacht haben.

Wie wir mit Lob und Kritik umgehen, hängt aber auch von unserer Persönlichkeit ab. Manche neigen zum Beispiel eher dazu, sich schlechtes Feedback „schönzudenken“ – indem sie beispielsweise mehr auf diejenigen blicken, die noch schlechter abschneiden als sie selbst. Andere sehen hingegen eher diejenigen, die besser waren, und nehmen sich schlechtes Feedback eher zu Herzen.

Quelle: Universität zu Lübeck

 

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