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LEXIKON

arbische Literatur

Als arabische Literatur gilt das gesamte arab. schöngeistige und gelehrte Schrifttum, das in arabischer Sprache sowohl von Arabern als auch von Nicht-Arabern verfasst wurde. Man unterscheidet grob zwei Perioden: die klassische (von den Anfängen bis ins 19. Jahrhundert) und die moderne (19. Jahrhundert bis heute).

Klassische Periode

Die Poesie der Araber stand schon im 5. Jahrhundert auf einem hohen Niveau, wurde aber erst seit dem 8. Jahrhundert aufgezeichnet und ist überliefert in Diwanen und Anthologien (Hamasa, Muallaqat). Ihre Themen bezieht sie aus dem Leben der Beduinen. Die Kasside blieb lange Zeit die bestimmende Form für die arabische Dichtung. In der Zeit nach Mohammed und mit der Ausbreitung des islamischen Reiches entstand eine mehr urbane Poesie. Zu der Kasside trat das Ghasel. Omar Ibn abi Rabia ( 719) war mit seiner Liebesdichtung einer der Hauptvertreter dieser Gattung, die zu voller Entfaltung gebracht wurde durch die anakreontischen Wein- und Jagdlieder des Abu Nuwas ( um 813). In Andalusien wurde das Ghasel zu einem in umgangssprachlichen Arabisch abgefassten Strophengedicht weiter entwickelt (Ibn Kuzman,  1160), das deutliche Anklänge an den Minnesang aufweist. Daneben entwickelte sich eine eher philosophisch-mystisch orientierte Dichtung (Abul-Ala Al Maarri,  1057; Ibn Al Arabi,  1240; Ibn Al Farid,  1235).
An Prosa aus vorislamischer Zeit ist wenig überliefert. Ihr „goldenes Zeitalter“ erlebte die arabische Prosa, beeinflusst von persischen und griechischen Elementen, unter den Abbasiden im 9.11. Jahrhundert. Im 9. Jahrhundert bildete sich die schöngeistige arabisch-islamische Adab-Literatur heraus (Dschahiz,  869; Ibn Kutaiba,  885). Aus dem Kanzleistil hervorgegangen ist die in Reimprosa verfasste Gattung der Makame. Begründet wurde sie von Al Hamadhani ( 1007) und weiter entwickelt von Al Hariri ( 1122). In dieser Zeit finden auch indische und persische Märchenstoffe Eingang in die arabische Literatur, die sich mit arabischem Erzählgut mischen („Tausendundeine Nacht“).
Die gelehrte Prosa nahm ihren Ausgang vom Koran. Durch die islamische Eroberung wuchs die Zahl der Muslime, denen der Inhalt des Korans und das Wesen ihrer neuen Religion näher gebracht werden musste. Daraus entwickelte sich neben einer reichen philologischen Literatur auch eine einzigartige biografische und meist annalistische Geschichtsschreibung sowie eine umfangreiche Literatur zum islamischen Recht. Das erste Wörterbuch entstand Ende des 8. Jahrhunderts (Khalil,  791). Der Perser Sibaway ( 796) legte mit der ersten arabischen Grammatik einen Standard für die arabische Sprache fest, der bis heute fast unverändert Gültigkeit hat. Die im 9. Jahrhundert einsetzende Welle von Übersetzungen griechischer Werke legte den Grundstein für die Ausprägung weiterer, weniger religiös motivierter Wissenschaften. Übersetzungen der Werke des Ptolemäus ließen eine wissenschaftliche Geographie entstehen (Al Balkhi,  934; Mukaddasi,  um 1000; Idrisi,  1166; Ibn Battuta,  1377). Auch auf den Gebieten der Philosophie, der Alchemie, Astronomie und Astrologie (Al Battani,  929; Al Kindi,  nach 870; Biruni,  nach 1050) sowie in der Mathematik (Al Chwarismi,  nach 846) und besonders der Medizin (Al Razi,  um 925; Ibn Ishaq,  875; Avicenna,  1037; Maimonides,  1204; Averroës,  1198) entstanden wichtige Werke. Der Niedergang der arabischen Literatur setzte mit der Mongolenherrschaft (Eroberung Bagdads 1258) ein. Die klassischen Werke wurden meist verkürzt, exzerpiert, kommentiert und mit Glossen versehen. Eigenes Gedankengut wurde nur ab und zu noch entwickelt. Die einzigartige Weltgeschichte des Ibn Chaldun ( 1406) gehört zu den wenigen Ausnahmen.

Moderne Literatur

Erst im 19. Jahrhundert mit Napoleons Ägyptenfeldzug erwachte die arabische Literatur aus der Jahrhunderte langen Lethargie. Neue Impulse brachte die Auseinandersetzung mit europäischen Einflüssen, die zu einer allgemeinen Erneuerungsbewegung (Al Nahda) führte, in deren Rahmen auch die literarische Erneuerung zu sehen ist. Federführende Reformer waren Mohammad Abduh ( 1905) und Al Afghani ( 1897). Die literarische Entwicklung wurde stark begünstigt durch ein verbessertes Schulwesen sowie durch das Aufkommen einer modernen Presse, die ein Forum allen literarischen Schaffens werden sollte.
Die Lyrik war schon immer die angesehenste Gattung der arabischen Literatur und sie veränderte bis weit in das 20. Jahrhundert hinein nur langsam ihr traditionelles Gesicht. So orientierten sich viele Autoren wie z. B. Ahmad Shauki (*1868,  1932) an der strengen, formalen Tradition mit Monoreim und festgelegter Metrik. Erst ab Mitte des Jahrhunderts entstanden Gedichte in freien Versen, wodurch die Poesie eine höhere Klangqualität erhielt und in ihren Themen individueller wurde. Bedeutende Lyriker dieser Generation und Begründer der modernen arabischen Poesie sind u. a. Shakir As-Sayyab (*1926,  1964), Adonis (*1930) oder Mahmud Darwisch (*1941). Angeregt durch zahlreiche Übersetzungen aus dem Englischen und Französischen entstanden neue Genres: Drama, Roman, Kurzgeschichte, Essay. Ein bis heute ungelöstes Problem der modernen arabischen Literatur ist der große Unterschied zwischen gesprochener und geschriebener Sprache. So wirken Dialoge im Schriftarabischen oft unrealistisch. Bedeutende Literaten waren Hussain Haikal (* 1888,  1956, Roman), Mahmud Taimur (* 1894,  1973, Kurzgeschichte), Taufik Al Hakim (* 1902,  1987, Theater), Abbas Mahmud Al Akkad (* 1889,  1964, Essay) und Taha Hussain (* 1889,  1973), der als Schriftsteller und als Reformer großen Einfluss ausübte. Themen der modernen epischen Literatur, besonders im 20. Jahrhundert, sind die politischen und sozialen Umwälzungen in der arabischen Welt und die daraus resultierenden Probleme, etwa der libanesische Bürgerkrie bei Etel Adnan (* 1925) oder der israelisch-palästinensische Konflikt bei Sahar Khalifa (* 1941). Kasim Amin (* 1863,  1908) wurde mit seinen Schriften zur Frauenfrage ein erster Befürworter der weiblichen Emanzipationsbestrebungen, in deren Zuge eine oft feministisch orientierte, von Frauen verfasste Literatur entstand (Nawal As Sadawi, Laila Baalbaki, Fatima Mernissi). Während die Poesie der 1960er und 1970er Jahre ebenfalls zunehmend politischer und gesellschaftskritischer wurde, andererseits auch mythisch-religiöse Strömungen aufnahm, gibt es bei der Gegenwartslyrik ein breites Themenspektrum. Vielfach steht das Ich und die Identitätssuche im Zentrum der Werke. Die moderne arabische Lyrik wird u. a. repräsentiert durch Abbas Baydoun (* 1945), Unsi Al-Hadj (* 1937) oder Amal Al-Jubouri (* 1967). Die größte internationale Anerkennung erfuhr die arabische Literatur der Moderne 1988 durch die Verleihung des Nobelpreises an den Ägypter Nagib Mahfuz.
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