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"Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten"

Der Bau der Berliner Mauer

Beunruhigt von der Abwanderung ihrer qualifiziertesten Arbeitskräfte, traf die DDR-Führung im Zusammenspiel mit ihren östlichen Verbündeten 1961 eine folgenschwere Entscheidung: Sie zog eine Mauer durch die Stadt Berlin und einen Todesstreifen durch das ganze Land.

Ein Volksarmist springt am 15.08.1961 an der Bernauer Straße über den Stacheldra
In der Nacht vom 12. auf den 13. August 1961 marschierten Truppeneinheiten der Volksarmee und Volkspolizei überraschend im sowjetischen Sektor Berlins auf und begannen, diesen mit einer Stacheldrahtabsperrung quer durch Berlin abzuriegeln. In den folgenden Monaten und Jahren wurde diese Abriegelung nach und nach zu einer durchgehenden Mauer mit ausgeklügelten Sicherungsanlagen ergänzt, die den freien Durchgang zwischen dem Ost- und dem Westteil der auf der Basis des Viermächteabkommens von 1945 in vier Besatzungszonen aufgeteilten Stadt auf Dauer beendete.

Ziel der Abriegelung war, den Bewohnern der DDR und Ostberlins die Flucht nach Westberlin unmöglich zu machen. Der ständige Flüchtlingsstrom hatte die DDR durch Arbeitskräftemangel in große wirtschaftliche Schwierigkeiten gebracht.

81 Grenzübergänge

Für die Bevölkerung der geteilten Stadt hatte der Mauerbau einschneidende Folgen. Täglich überschritten vor dem Mauerbau rd. 60 000 Grenzgänger die Demarkationslinie, um ihrer Arbeit im anderen Teil der Stadt nachzugehen (49 000 Ostberliner arbeiteten in Westberlin, 10 000 Westberliner in Ostberlin). Außerdem bestanden bei etwa 70 % der Westberliner familiäre Beziehungen zu Ostberlinern. Durch den Mauerbau wurden beide Teile der Stadt hermetisch voneinander abgeriegelt. Die meisten der 81 Grenzübergänge wurden geschlossen. Westberliner durften den Ostsektor nur noch unter Vorlage eines Passierscheins betreten. Für Ostberliner blieb die Grenze geschlossen. Einzig zur Erledigung der eng definierten "dringenden Familienangelegenheiten" und für Rentner, denen ab 1964 jährlich eine Reise in die Bundesrepublik freigestellt war, wurde eine Ausnahme gemacht. Der Mauerbau weckte im Westen eine Welle von Empörung. Doch es sollte bis zum 9. November 1989 dauern bis die DDR die Grenzübergänge öffnete und alle Reisebeschränkungen aufhob.

Die Krise um Berlin 1958 bis 1961

1963: Eine Schlange von Berlinern wartet darauf, die Grenze passieren  zu dürfen
Am 27. November 1958 kündigte die Regierung der UdSSR einseitig den Viermächtestatus von Berlin. Binnen sechs Monaten sollte Berlin in eine entmilitarisierte "Freie Stadt" umgewandelt werden. Andernfalls werde die UdSSR ihre Berlin-Rechte an die DDR übertragen. Die drei Westmächte lehnten die einseitige Aufkündigung des Berliner Viermächtestatus ab. Am 7. Januar 1959 teilte die Regierung der DDR in einer Note an die Regierung in Moskau die Auffassung der Sowjetunion in der Berlin-Frage. Seit 1949 sei ganz Berlin eigentlich ein Teil des Gebiets der DDR. Deshalb sei es die "natürlichste Lösung", den Westteil Berlins in die DDR einzuglieden. Angesichts der damit verbundenen Probleme sei die DDR jedoch auch mit der Umwandlung von Westberlin in eine entmilitarisierte "Freie Stadt" einverstanden.

Separatfrieden mit der DDR

Der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow sprach am 17. 2. 1959 in Tula erstmals davon, dass die UdSSR im Fall einer Weigerung der Westmächte, einen deutschen Friedensvertrag abzuschließen, mit der DDR einen Separatvertrag abschließen würde. Auf einer Außenministerkonferenz der drei Westmächte und der UdSSR in Genf (11.5.-20. 6. 1959) gelang es den Teilnehmern nicht, eine Lösung für das Berlin-Problem zu finden. Am 18. Mai 1960 drohte Chruschtschow auf einer Gipfelkonferenz in Paris dem US-amerikanischen Präsidenten Eisenhower erneut mit dem Abschluss eines Separatfriedens mit der DDR.

Anfang 1961 zeichnete sich mit dem Amtsantritt des neuen US-amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy scheinbar ein Wandel zugunsten einer flexibeleren Außen- und damit auch Berlinpolitik ab. Trotzdem forderte der Politische Beratende Ausschuss des Warschauer Pakts am 29. 3. 1961 die Entmilitarisierung der Westsektoren. Die Forderung Ulbrichts nach einer Sperrung der Sektorengrenze lehnte man allerdings noch ab. Am 3. und 4. Juni 1961 trafen Kennnedy und Chruschtschow zu einem Gipfeltreffen in Wien zusammen. Dabei überreichte Chruschtschow zwei Memoranden, eines zur Abrüstung, ein weiteres zur Berlinfrage. Die UdSSR kündigte in diesem Memorandum den Abschluss eines Separatfriedensvertrages mit der DDR bis Ende 1961 an. Mit diesem Vertrag sollten dann der DDR die vollen Souveränitätsrechte über die Zugangswege nach Berlin übertragen werden. Ulbricht begrüsste am 15. Juni die sowjetischen Vorschläge und bestritt die Absicht, eine Mauer durch Berlin zu bauen.

Am 25. Juli 1961 erläuterte Kennedy in einer Fernsehansprache den außenpolitischen Kurs seiner Regierung. Sie hatte für Berlin drei Essentials entwickelt:

1. Präsenz der Westmächte

2. Freier Zugang zur Stadt

3. Freiheit und Lebensfähigkeit der Bewohner Westberlins

Als sich daraufhin vom 3. bis 5. August die Ersten Sekretäre der kommunistischen Parteien der Warschauer Paktstaaten in Moskau trafen, erörterten sie als Lösungsmöglichkeiten der Berlinfrage:

1. Sperrung der Luftkorridore

2. Bau einer Mauer

3. Absperrung Ostberlins von der übrigen DDR

Die Entscheidung fiel zugunsten des Mauerbaus, was die Entschlossenheit der USA, ihre Präsenz in Berlin aufrechtzuerhalten, noch am wenigsten tangierte.

Innere Probleme der DDR

Die Berlinkrise von 1958 bis 1961 war quasi das außenpolitische Spiegelbild der inneren Probleme der DDR in dieser Zeit.

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Nicht nur der zweite Weltkrieg selbst, sondern auch die Nachkriegszeit hatte in der DDR tiefe Spuren hinterlassen, denn die UdSSR hatte zur Erfüllung ihrer Reparationsansprüche viele unzerstört gebliebene Industrieanlagen bis in die 1950er Jahre demontiert.

 

Unzufriedenheit mit der Wirtschaftslage und der zunehmenden politischen Unterdrückung bewog viele Menschen die DDR zu verlassen. Allein 1951 flüchteten 165 000 DDR-Bewohner in die Bundesrepublik. Um diesen Flüchtlingsstrom einzudämmen, riegelte die DDR im Mai 1952 die 1400 Kilometer lange Zonengrenze hermetisch ab. Ein zehn Meter breiter Grenzstreifen wurde abgeholzt und umgepflügt, dahinter wurden ein 500 m breiter "Schutzstreifen" und eine fünf Kilometer breite "Sperrzone" angelegt, die nur mit besonderer Genehmigung betreten werden durften. Nur politisch "zuverlässige" Personen durften ihre Wohnungen in der Sperrzone behalten; die anderen wurden mit brutaler Gewalt aus ihren Häusern geholt und ins Innere der DDR "umgesiedelt". In den folgenden Jahren bis zum Ende der DDR wurden die Sperren immer weiter ausgebaut; es entstanden Wachtürme, Bunker, mehrfache Metallgitterzäune, Selbstschussanlagen und Lichtsperren. Den Wachdienst versahen 50 000 Mann Grenztruppen, die ab 1961 zur Nationalen Volksarmee gehörten. Wer trotz allem die Flucht wagte, setzte sein Leben aufs Spiel. Der einzige sichere Fluchtweg blieb vorerst die noch offene Sektorengrenze in Berlin.

1962: Ostdeutsche Polizisten heben den Leichnam des 19 Jahre  alten Paul Fechter
1952 hatte Generalsekretär Walter Ulbricht auf einer Parteikonferenz der SED den "Planmäßigen Aufbau" des Sozialismus verkündet. Damit war vor allem der Aufbau einer eigenen Schwerindustrie nach sowjetischem Vorbild gemeint. Die Konsumgüterindustrie und auch andere Industriezweige, die bessere Zukunftschancen boten, wurden vernachlässigt. Die Folge war eine tiefe wirtschaftliche Krise. Gleichzeitig steigerte sich auch die politische Repression. In diesem Klima von Mangel und Angst schwoll die Fluchtwelle gewaltig an: Allein im März 1953 verließen über 58 000 Menschen die DDR. Am 16. Juni streikten und demonstrierten die Ostberliner Bauarbeiter. Am 17. Juni griff die Bewegung auf die gesamte DDR über und erfasste alle Bevölkerungsschichten. Ohne das Eingreifen der Sowjetunion hätte der Aufstand das Regime vermutlich zu Fall gebracht.
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Quelle: wissenmedia
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