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APO-Bewegung - Deutschlands rebellische Jahre

Vor 60 Jahren entstand eine der größten Protestrevolten in der Geschichte der Bundesrepublik: die "Außerparlamentarische Opposition". Diese Bewegung verstand sich als Gegenpol zu den etablierten Parteien und wurde maßgeblich von Studenten mitgetragen. Die jungen Leute demonstrierten zunächst gegen die verkrusteten Strukturen an den Hochschulen. Schon bald entwickelte sich daraus jedoch eine generelle Revolte gegen die Wertewelt westlicher Demokratien.

Im November 1966 ist die erste Große Koalition der Bundesrepublik Deutschland beschlossene Sache. Die beiden großen Volksparteien haben sich zusammengetan, um die wirtschaftliche Rezession zu überwinden. Doch das Einvernehmen zwischen CDU und SPD bedeutet auch, dass die parlamentarische Opposition so schwach ist wie nie - und droht, in der Bedeutungslosigkeit zu versinken.

Diese Entwicklung nährt vor allem bei einem großen Teil der akademischen Jugend ein Unbehagen am politischen und gesellschaftlichen System, das schon in den Jahren zuvor erste Wurzeln geschlagen hat. Aus diesem Unmut heraus entsteht schließlich die "Außerparlamentarische Opposition", kurz APO - eine Bewegung, die sich als Gegenpol zu den etablierten Parteien und Sprachrohr einer im Bundestag faktisch nicht vorhandenen Opposition versteht.

Ostermarsch 1960 von Hamburg nach Bergen-Hohne
Eine der Wurzeln der APO war die seit 1960 in Deutschland tätige "Ostermarsch"-Bewegung der Atomwaffengegner.
Kämpferischer Studentenbund

Zu den ersten Wurzeln dieser Bewegung gehören die Ostermarsch-Aktionen der Atomwaffengegner. Diese von pazifistischen und sozialistischen Gruppen organisierten Proteste haben 1960 mit rund 1.000 Marsch- und Kundgebungsteilnehmern begonnen und Jahr für Jahr immer mehr Menschen mobilisiert. Den Aufrufen zum "Kampf gegen den Atomkrieg" und gegen Rüstung überhaupt folgen auch viele Vertreter von Jugend- und Studentenorganisationen.

Eine dieser Organisationen entwickelt sich in den sechziger Jahren zum Kern der APO: der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS). Die ehemalige Studentenorganisation der SPD ist seit Juli 1960 von der Mutterpartei unabhängig - wegen programmatischer Differenzen hat die Parteiführung ihr die finanzielle Unterstützung gestrichen und eine Mitgliedschaft im SDS für unvereinbar mit einer Mitgliedschaft in der SPD erklärt.

Erst die Uni - dann die Gesellschaft

Das hält den Bund jedoch nicht davon ab, weiterhin systematisch und straff organisiert wirtschaftliche und politische Problemfelder seiner Zeit zu beackern. Zunächst die Lage an den Hochschulen: Der SDS kritisiert die verkrusteten Strukturen der akademischen Selbstverwaltung, in der allein die ordentlichen Professoren das Sagen haben. Er fordert ein Mitspracherecht für die Studenten sowie eine Reform der Studiengänge und Prüfungsordnungen. Die Parole "Unter den Talaren - Muff von tausend Jahren" wird zum Kurzprogramm der Bewegung.

Um auf ihre Forderungen aufmerksam zu machen, bedienen sich die Studenten provokativer Protestformen: Lehrveranstaltungen und Sitzungen akademischer Gremien werden blockiert oder zu Protestversammlungen "umfunktioniert". Doch anders als etwa die Atomwaffengegner nimmt die Studentenbewegung nicht nur ein Thema in den Blick: Ihre Aktivitäten gehen schnell über den akademischen Bereich hinaus. Denn nicht nur die Universität bedarf einer Umgestaltung, sondern die gesamte Gesellschaft, ist man überzeugt.

Demo mit Che-Plakat
Che Guevara war eines der Idole der protestierenden Studenten des Jahres 1968.
Che Guevara als Vorbild

Die APO richtet sich deshalb ganz grundsätzlich gegen die etablierte Wertewelt westlicher Demokratien. Ihr Gedankengut fußt dabei auf wesentlichen Pfeilern des Marxismus. Rosa Luxemburg, Mao Tse-tung und Che Guevara werden als Vorreiter eines "revolutionären Kampfes" gefeiert, das politische System der Bundesrepublik als "reaktionär" verurteilt.

Der Kernkritikpunkt: Die durch das Dritte Reich und den Zweiten Weltkrieg kompromittierte Generation der Väter habe sich ausschließlich auf den wirtschaftlichen Wiederaufbau konzentriert, ohne die gesellschaftlichen Bedingungen, die den Nationalsozialismus erst möglich gemacht hatten, zu reflektieren und zu ändern. Das Ergebnis sei eine Gesellschaft, die fest im Griff der Interessen der Großunternehmer und ihrer publizistischen Helfer ist - eine Gesellschaft, in der die rechts- und sozialstaatlichen Normen des Grundgesetzes nur unvollkommen verwirklicht sind und Reformen unmöglich.

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DAL, 25-01.2018
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