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Ferien in Frankreich: Urlaub bei Freunden?

Brüder, Feinde, Rivalen, Partner – die Geschichte der deutsch-französischen Beziehungen ist lang und wechselhaft. Ein eigener Freundschaftsvertrag sollte 1963 helfen, gegenseitige Ressentiments zu überwinden. 50 Jahre später fragen wir: Verbindet die Franzosen und die Deutschen tatsächlich eine besondere Freundschaft? Ein Stimmungsbild unter Frankreich-Urlaubern.
von wissen.de-Redakteurin Alexandra Mankarios, September 2013

Von Verbündeten zu Erbfeinden zu Freunden

Elysée-Vertrag
Picture-Alliance GmbH, Frankfurt/UPI
14. Februar 1842, in der Nähe von Straßburg: Karl der Kahle und Ludwig der Deutsche, beide Enkel Karls des Großen, schwören feierlich, einander beizustehen – Ludwig auf Altfranzösisch, Karl auf Althochdeutsch. Die Straßburger Eide gelten als die Geburtsstunde der französischen Sprache, gleichzeitig sind sie der erste deutsch-französische Pakt der Geschichte. Auch wenn ein Jahr später Karls dritter Enkel Lothar I. ins Boot geholt und das ehemalige Fränkische Reich gedrittelt wird – es lohnt sich, sich gelegentlich daran zu erinnern, dass Deutschland und Frankreich einst aus demselben Großreich entstanden sind.

 

Was als Partnerschaft begann, sinkt im 19. Jahrhundert, nach diversen Erbfolgekriegen und Streitereien um das Rheinland und Elsass-Lothringen, auf einen Tiefpunkt: Frankreich und Deutschland sind Erbfeinde geworden. Als August Heinrich Hoffmann von Fallersleben 1841 das Deutschlandlied, die spätere Nationalhymne, dichtet, treibt ihn nicht zuletzt der Hass auf Frankreich an. Auch in beiden Weltkriegen stehen Franzosen und Deutsche einander feindlich gegenüber, erst in den 50er Jahren gehen die Länder zögerlich aufeinander zu. Dass es 1963 einen eigenen Freundschaftsvertrag brauchte, um die Annäherung zwischen Frankreich und Deutschland zu erreichen, spricht Bände.

 

Die Gegenwart: Sonne, Meer, Sprachprobleme

Heute, 50 Jahre später, erinnert kaum noch etwas an den alten Hass zwischen den beiden bevölkerungsreichsten Staaten der Europäischen Union, im Gegenteil. 2012 stellten Deutsche und Österreicher mit 13,3 Millionen Besuchern den größten Anteil der ausländischen Touristen in Frankreich. Dass das Land als Urlaubsziel so attraktiv für Deutsche ist, hat viele Gründe.

„Das Land ist so vielseitig! Man kann von allem etwas haben: Berge, Meer, Natur, nette Städte“, schwärmt Frankreich-Urlauberin Nicole Hartung aus Rheinland-Pfalz. Mit ihrer Familie verbringt sie den Urlaub in den letzten Jahren häufig in Frankreich, auch „weil der Weg so kurz ist“. Mit Franzosen kommt sie trotzdem selten in Kontakt. „Ich finde die Franzosen, in den Restaurants zum Beispiel, nett und freundlich, aber ich spreche leider kein Wort Französisch“, erklärt Hartung. Und auf Englisch beschränke sich die Unterhaltung eben doch auf das Wesentliche.

Es ist eins der bekanntesten Klischees, die über die Franzosen herrschen: dass sie keine Sprachen außer ihrer eigenen beherrschen. In der Tat tun sich die Franzosen mit Fremdsprachen schwer: 2012 fand eine Studie der EU-Kommission heraus, dass französische Schüler in punkto Englischkenntnissen deutlich hinter Gleichaltrigen in anderen EU-Staaten zurückliegen. Als im Mai 2013 das französische Parlament einem Gesetzesvorschlag zustimmte, demzufolge an französischen Hochschulen auch in anderen Sprachen als nur Französisch unterrichtet werden darf, schlugen die Protestwellen hoch.

Die Pflege der eigenen Sprache hat in Frankreich Tradition, im Ausland gilt sie häufig als französische Extravaganz: Radiosender müssen mindestens 40 Prozent ihrer Musiktitel in französischer Sprache spielen, die ehrwürdige Académie Française schlägt regelmäßig französischsprachige Ausdrücke vor, um neue, aus dem Englischen stammende Begriffe zu verdrängen, etwa „musique facile“ für „Easy listening“ oder „administrateur de site“ für „Webmaster“.

 

Einfach nur zwei Länder unter vielen?

Typisch französisch?
shutterstock.com/Andreas G. Karelias

Trotz mangelnder Sprachkenntnisse klappt aber am Ende die deutsch-französische Urlaubsverständigung. So berichtet es jedenfalls Familie Meyer aus Schleswig-Holstein, die ihren Urlaub 2013 in der Region um die Parfumstadt Grasse in Südfrankreich verbringt. Französisch beherrschen die Meyers nicht, aber mit Englisch kommen sie gut zurecht: „Wenn jemand hier selbst kein Englisch spricht, bemüht er sich schnell, einen Englischsprachigen heranzuziehen. Das haben wir schon zweimal erlebt.“ Im Übrigen komme es ja auch darauf an, wie man in den Wald hineinrufe.

Entschiedene Frankreichfans sind die Meyers allerdings nicht, sie ziehen es vor, jedes Jahr ein anderes Land zu besuchen. Und dass Deutsche und Franzosen eine besondere Beziehung zueinander haben, können sie auch nicht bestätigen, das seien einfach nur zwei Länder unter vielen.

 

Wie Franzosen und Deutsche einander sehen

Die Auffassung teilt auch Yan Armenand, der in den verwinkelten Gassen der Altstadt von Grasse ein Geschäft für Aperitifweine betreibt. Wenn der hagere Franzose in den Dreißigern vor seinem Laden Passanten zu einer Kostprobe einlädt, kommt er mit Touristen aus aller Welt ins Gespräch. „Für mich spielt es absolut keine Rolle, wo jemand herkommt“, betont Armenand. Die Deutschen nehme er als fröhliche und interessante Menschen wahr, eine besondere Beziehung zu ihnen empfinde er allerdings nicht. Der Elysée-Vertrag ist ihm ebenso gleichgültig wie die einstige Feindschaft der beiden Länder. „Diese Ereignisse haben heute keine Bedeutung mehr – jedenfalls nicht für die jüngere Generation“, ist er überzeugt.

Ein lebendiges Beispiel für die guten deutsch-französischen Beziehungen ist Valérie Schneider. Die Französin ist mit einem Deutschen verheiratet. Das Paar lebt in Baden-Württemberg, reist aber häufig nach Frankreich. Beide Länder hätten ihre Vor- und Nachteile, meint Schneider. In der makellosen Ordnung und Sauberkeit deutscher Kleinstädte vermisse sie eine gewisse Leichtigkeit, gibt sie zu. Andererseits beobachte sie bei den Franzosen häufig ein elitäres Verhalten, das es in Deutschland nicht gebe: „In Deutschland könnte man zum Beispiel auch mit Dreadlocks als Zahnarzt arbeiten“, vermutet sie. „In Frankreich würden einem sofort die Patienten wegbleiben, weil von einem Zahnarzt erwartet wird, dass er sich ‚standesgemäß’ präsentiert.“

 

Gesellige Weinkenner und ernsthafte Biertrinker

Ganz genau wollte es die Deutsche Botschaft in Paris wissen: Anlässlich des 50sten Jubiläums des Elysée-Vertrags ließ sie je rund 1300 Franzosen und Deutsche zu ihren gegenseitigen Einstellungen befragen – und stellte deutliche Unterschiede zwischen den Nachbarstaaten fest.

Während den Franzosen etwa bei Deutschland als erstes Merkel, Bier und Berlin einfällt, denken die Deutschen bei Frankreich zunächst an Paris, den Eiffelturm und Wein – die französische Politik spielt hierzulande offensichtlich eine deutlich geringere Rolle als umgekehrt. Dafür spricht auch, dass der Nationalsozialismus, der Krieg und der Mauerfall mit je 16 Prozent zu den am häufigsten genannten Begriffen in Frankreich gehören, während die Deutschen mit Frankreich vor allem touristische, kulinarische und kulturelle Begriffe assoziieren, etwa Käse, Alpen und Kunst.

Einig waren sich beide Nationen, als sie gebeten wurden, Begriffe eher Frankreich oder Deutschland zuzuschreiben: „Ernsthaftigkeit“ halten 76 Prozent der Franzosen und 67 Prozent der Deutschen für eine deutsche Tugend, auch die Begriffe „Arbeit“ und „Wohlstand“ sehen die Befragten beider Länder eher in Deutschland. „Geselligkeit“ und „Lebensqualität“, auch darin sind sich alle Befragten einig, gehören eher zu Frankreich.

Trotz aller Unterschiede ist die gegenseitige Haltung positiv: 87 Prozent der Deutschen und 85 Prozent der Franzosen haben ein positives Bild der jeweils anderen Nation. Ob der Elysée-Vertrag allerdings zu einer echten Freundschaft geführt hat, darf bezweifelt werden. Nur 40 Prozent der Deutschen und 30 Prozent der Franzosen sind dieser Meinung – der überwiegende Teil in beiden Ländern plädiert für den neutraleren Begriff „Partnerschaft“.

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