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Schulnoten: Wie gerecht sind Lehrerurteile?

Die klassischen Schulnoten lassen sich mit moderner Pädagogik nur schwer vereinbaren

1 oder 6? Bist du sehr gut oder ungenügend? Zweimal im Jahr bekommen Millionen Schüler darauf eine gefürchtete Antwort. Und zweimal jährlich sorgen Schulnoten im Zeugnis für Freude oder Frust, entscheiden über Lernverläufe und Berufswahl. Immer mehr Schulen bezweifeln allerdings, dass Noten geeignet sind, um die Leistungen von Schülern angemessen zu beurteilen, und gehen neue Wege.

Schüler
Schüler
Wenn an der Hamburger Erich Kästner Stadtteilschule Zeugnisse ausgegeben werden, haben die Schüler erst einmal viel zu lesen. Ein so genanntes Kompetenzraster teilt ihnen mit, was sie in verschiedenen Bereichen geschafft haben: Drei bis vier verschiedene Kompetenzen unterscheidet das Zeugnis in jedem Fach, in den Kernfächern sind es sogar sechs. Im Fach Deutsch gehören zum Beispiel die Kompetenzen „Texte schreiben“ oder „Rechtschreibung“ dazu, Kreuzchen geben Auskunft über die erreichten Leistungen. Hinzu kommt ein ausführlicher Kommentar zu jedem Fach, der mit Beispielen erläutert, wie sich der Schüler entwickelt hat. Zwei Tage nach der Zeugnisausgabe kommt jeder Schüler noch einmal mit seinem Lehrer und den Eltern zu einem Lernentwicklungsgespräch zusammen, um gemeinsam eine Bilanz des vergangenen Halbjahres zu ziehen und zu überlegen, welche neuen Ziele sich der Schüler im nächsten Halbjahr setzen kann.

Erst in der neunten Klasse, wenn der erste mögliche Schulabschluss ansteht, erhalten die Erich-Kästner-Schüler ihr erstes Notenzeugnis – jeder Schulabschluss muss sich schließlich mit einer Durchschnittsnote beziffern lassen.

Dass die Schule so lange auf Noten verzichten darf, ist nur möglich, weil sie am Hamburger Schulversuch "alles»könner" teilnimmt, in dem Konzepte für einen individualisierten, kompetenzorientierten Unterricht erprobt werden. Dazu gehört auch, dass die Schüler sich selbst Wochenziele setzen und für sie passende Lernangebote auswählen. In so genannten Logbüchern dokumentieren sie laufend ihre Lernfortschritte, zudem spricht alle zwei Wochen jeder Schüler für eine Viertelstunde lang mit dem Lehrer über seine Entwicklung und die nächsten Lernvorhaben.

Klassische Noten haben in diesem Lernarrangement keinen Platz. Andreas Giese, der didaktische Leiter der Erich Kästner Schule erklärt, warum: „Noten haben nur den Vorteil, dass man eine Art Durchschnittsleistung berechnen und damit darstellen kann, wo ein Schüler steht. Sie sind aber nicht dazu geeignet, ein Kind oder einen jungen Menschen differenzierter anzuschauen und zu beschreiben, wo seine Stärken und Schwächen liegen.“

 

Ungerechte Vergleiche

Ein individualisiertes Konzept, das jedem Kind Entwicklungsmöglichkeiten nach seinem eigenen Tempo ermöglicht, hatte sich auch Cosima Elspaß aus dem rheinland-pfälzischen Winnweiler vorgestellt, als die Grundschule ihrer Tochter zu einer so genannten Schwerpunktschule wurde, an der Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam lernen. Die Realität sah anders aus – und das hat auch mit dem Zwang zur Notenvergabe zu tun.

Zum Schulkonzept gehört die „Differenzierung“: Die Kinder können im Unterricht je nach Leistungsstärke zwischen leichteren und schwereren Aufgaben wählen, beispielsweise ein ganzes oder nur ein halbes Diktat schreiben. „Bei der Bewertung dieser Aufgaben wurde dann aber wieder ein Vergleich zur Gesamtgruppe hergestellt“, berichtet Elspaß. „Das führte dazu, dass die Kinder, die das halbe Diktat fehlerfrei geschrieben haben, beispielsweise trotzdem maximal eine Drei minus bekommen konnten.“ Für die behinderten Kinder in der Klasse grenze diese Art der Notengebung an Körperverletzung, meint Elspaß: „Man kann doch nicht einem Kind, das nachweislich mit einer Diagnose nicht lesen und nicht schreiben kann, immer und immer wieder sein Unvermögen mit der Ziffer Fünf oder Sechs dokumentieren!“

Nachdem Gespräche mit der Schule nichts änderten, zog Elspaß Inklusionsexperten zu Rate und wandte sich an die Schulaufsicht. Fazit: In der Klasse ihrer Tochter ist die bisherige Praxis nun untersagt – aber auch nur dort. „Alle anderen Klassen praktizieren das weiter so und auch die meisten anderen Schulen“, berichtet Elspaß. „Ich kenne im ganzen Regierungsbezirk nur zwei Grundschulen, von denen ich sagen würde, dass sie das besser machen.“

 

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von wissen.de-Redakteurin Alexandra Mankarios, Februar 2013
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