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LEXIKON

moderne Kunst

Plastik, Malerei und Grafik des 20. Jahrhunderts, soweit sie sich aus einer schon im 19. Jahrhundert auftretenden künstlerischen Haltung entwickelten. Sie stehen im Gegensatz zu historisierenden Bestrebungen, zur objektiven Weltdarstellung im Naturalismus und zu einer sich zu klassischen Schönheitsidealen bekennenden Ästhetik. Die moderne Kunst gibt stattdessen der Wirklichkeitsdeutung den Vorrang vor der rein abbildenden, reproduzierenden Wiedergabe; sie stellt den Wert überlieferter Gestaltungsmittel in Frage, bejaht das Experiment und sucht analog zu der durch Naturwissenschaft, Technik, Psychologie u. a. herbeigeführten Grenzerweiterung des herkömmlichen Welt- und Menschenbilds neue Darstellungsbereiche zu erschließen. Wichtigste Aussagemittel sind Abstraktion, Expression und surreale Verfremdung; gemeinsam ist ihnen ein betonter Anaturalismus, der sich sowohl in der Motivwahl wie in Farbgebung, Raumgestaltung, Proportionierung u. a. äußert.

Malerei

In der Malerei begannen die auf Überwindung der abbildenden Darstellungsform gerichteten Bestrebungen in der Zeit des ausklingenden Impressionismus, u. a. mit dem Neoimpressionismus und der raumreduzierenden, aperspektivischen Bildauffassung P. Cézannes, an die der von P. Picasso und G. Braque begründete analytische Kubismus als erste umwälzende Revolution der modernen Kunst anknüpfte. Das Verfahren der kubistischen Dingzerlegung wurde von mehreren anderen Stilrichtungen aufgenommen und vielfach variiert, u. a. vom italienischen Futurismus und von einigen Malern des Blauen Reiters. Die Abwendung von der gegenständlichen Darstellung vollzog 1910 W. Kandinsky, der Begründer und erste Hauptmeister der abstrakten Kunst. Archaisierende Formvereinfachung, Verwendung ungebrochener Farben und das Streben nach einem gesteigerten seelischen Ausdruck kennzeichnen den Expressionismus, der vor allem in Deutschland bedeutende Leistungen hervorbrachte; in Frankreich entspricht ihm die Kunst der „Fauves“ (Fauvismus). Der die Scheinlogik einer Traumwelt reproduzierende, die Wirklichkeit verfremdende Surrealismus verwertet Ideen der Romantik und setzt seit den 1920er Jahren die Bestrebungen der italienischen Pittura metafisica und der 1916 in Zürich gegründeten Dada-Bewegung (Dadaismus) mit anderen Mitteln in mehreren Sonderrichtungen fort. Von großem Einfluss auf die Entwicklung der modernen Kunst, einschließlich der zeitgenössischen technischen Formgestaltung und Architektur, waren das Wirken führender Künstler am Bauhaus, die Ästhetik der niederländischen Gruppe de Stijl und der radikale Konstruktivismus einiger osteuropäischer Künstler. Im Gefolge der Hinwendung zu expressiven und abstrakten Ausdrucksformen nach dem 2. Weltkrieg entstand eine Vielzahl einander durchdringender Stilrichtungen, von denen Tachismus und Action Painting zu internationaler Verbreitung gelangten, ebenso die als Reaktion auf Extremformen der Abstraktion gedeutete Pop-Art und die geometrisch-abstrakte Op-Art. Conceptual-Art, eine über den Verstand wahrgenommene Ideenkunst, bei der sich der Betrachter in den Gedankengang des Künstlers vertiefen soll, entstand ab 1969 in den USA und Europa. Vertreter dieser intellektuellen Kunst waren u. a. J. Beuys, D. Beuren, M. Merz oder J. Holzer. Zur gleichen Zeit entwickelte sich von den USA aus die Graffiti-Bewegung als Bestandteil der Jugendkultur; die Sprayer (u. a. H. Naegeli oder K. Haring) wurden anfangs wegen Sachbeschädigung verhaftet; in den 1980er Jahren kamen ihre Werke ins Museum. Seit den 1980er Jahren breitete sich eine neue figurative, gegenständliche, expressive Malerei in Europa und den USA aus. Unter dem Oberbegriff Neoexpressionismus lassen sich Gruppen und Richtungen wie Neue Figuration, Neue Wilde, New Image Painting oder Transavantguardia einordnen. Am Anfang des Jahrtausends ist die Vielfältigkeit an Themen und Techniken in der Malerei sehr groß und Abstraktion und Gegenständlichkeit existieren nebeneinander.

Plastik

In der modernen Plastik tritt die menschliche Figur als traditionelles Darstellungsobjekt zurück zugunsten der zum Selbstwert erhobenen reinen Form, die zwischen Gegenständlichkeit und völliger Abstraktion eine reiche Gestaltenfülle entfaltet.
Der Abbildcharakter, noch in der impressionistischen Bildhauerkunst vorherrschend, ist in der Folgezeit zunehmend abgelöst worden von einer symbolhaften Wirkung, am konsequentesten bei abstrakten Konstruktionen und Form-Zeichen, die oft auf prähistorische Vorbilder und Bildschöpfungen archaischer Kulturen zurückgehen. Die Aufnahme neuer Materialien (Beton, Zement, Eisen, Stahl, Aluminium, Glas, Polyesterharz) und die Anwendung neuer Arbeitstechniken erschlossen zahlreiche zuvor unbekannte plastische Ausdrucksmöglichkeiten, z. B. die der Dynamik und der Kinetik. Die häufig zu beobachtende (N. Gabo, A. Calder
Calder, Alexander
Alexander Calder
Der US-amerikanische Bildhauer Alexander Calder zeigt, dass sich sein Mobile im Gleichgewicht befindet.
, J. Tinguely) Synthese mit anderen künstlerischen Formmitteln, wie Malerei, Musik und Licht, erschwert eine genauere Abgrenzung der modernen Plastik.
Allgemein zielen neuere Entwicklungen auf eine Verschmelzung der Kunstgattungen (Fluxus, Happening, Mixed Media) und versuchen, den Betrachter aktiv in das Kunstgeschehen einzubeziehen. Wo Kunst auf ihre Sozialfunktion eingeschränkt wird, löst sich der Kunstbegriff in der Sozialutopie auf.
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